Nach Sturz des syrischen Regimes: Hexenjagd auf die Alawiten?
Von Floo Weißmann
Damaskus – Je stärker die Macht des Regimes in Syrien bröckelt, desto angestrengter rätseln Experten und Diplomaten darüber, was nach dem möglichen Sturz oder Rücktritt von Präsident Bashar Assad kommt. Sowohl die politische Opposition im Exil als auch die bewaffneten Rebellen sind stark zersplittert, und es gibt bisher keinen Fahrplan für einen Übergang. Dazu kommen die wachsenden Spannungen zwischen den Volksgruppen – vor allem zwischen der sunnitischen Mehrheit und den Minderheiten, auf die sich das Regime gestützt hat. Assad selbst ist Alawit und hat den Großteil der Führung in Staat und Militär aus seiner Bevölkerungsgruppe rekrutiert.
Für die Zeit nach Assad sind verschiedene Szenarien denkbar. Die Palette reicht von einem friedlichen Neuanfang unter Einschluss aller gesellschaftlichen Kräfte über eine Hexenjagd auf Alawiten und andere Parteigänger von Assad – vielleicht verbunden mit ethnischen Säuberungen – bis hin zu einem Bürgerkrieg um die Macht im neuen Syrien. Nach Zehntausenden Toten und Gefolterten muss auf jeden Fall mit viel Hass und Rache gerechnet werden. Die Alawiten würden nach Assad um ihr Überleben kämpfen, sagte ein Nahost-Kenner der TT.
Manche Experten halten es für möglich, dass das Land in einen sunnitischen, einen kurdischen und einen alawitischen Teil zerfällt. Auch die Zukunft der christlichen Minderheit, die eine Christenverfolgung wie im Irak befürchtet und deshalb bis zuletzt auf Assad als ihren Beschützer gesetzt hat, ist völlig offen.
Als wahrscheinlich gilt, dass das Ausland kaum Einfluss nehmen kann auf die weitere Entwicklung. „Als wir von der internationalen Gemeinschaft Hilfe wollten, kam sie nicht. Jetzt werden wir den letzten Teil des Weges auch noch alleine schaffen“, zitierte die Nachrichtenagentur dpa einen Rebellen-Hauptmann.
Eine entscheidende Frage dürfte sein, wie stark die islamistischen Kräfte unter den Rebellen sind und ob sie nach einem Sieg über Assad am politischen Prozess teilnehmen oder mit Gewalt die Scharia durchsetzen wollen und Minderheiten angreifen. Gerüchten zufolge sollen Geldgeber in den Golfstaaten gezielt die Jihadisten aufgerüstet haben – zur Sorge der CIA. In den vergangenen Jahren haben mehrere tausend Gotteskrieger aus Syrien im Irak gekämpft. Viele von ihnen dürften jetzt in der Heimat mitmischen – verstärkt durch muslimische Freischärler aus anderen Ländern.


