21.07.2012, 14:26  Aktualisiert: 21.07.2012, 22:03 
International

Syrisches Regime bläst zur Gegenoffensive

Mit Beginn des Fastenmonats Ramadan hat das syrische Militär eine massive Gegenoffensive gegen die Aufständischen gestartet.
Syrische Rebellen in Aleppo.
Foto: REUTERS

Damaskus/Beirut - Mit Beginn des Fastenmonats Ramadan hat das syrische Militär eine massive Gegenoffensive gegen die Aufständischen gestartet. Nach Angaben der Opposition überrannten die Regierungstruppen am Samstag einen Vorort von Damaskus. Nördlich der Stadt Homs seien Truppen zusammengezogen worden. Die Handelsmetropole Aleppo war den zweiten Tag in Folge heftig umkämpft.

Die Rebellen kündigten an, sie wollten die gefürchteten Chemiewaffen des Assad-Regimes unter ihre Kontrolle bringen. „Wir haben eine Gruppe, die die Chemiewaffen sichern soll“, sagte General Adnan Silou, ein ranghoher Überläufer zur Freien Syrischen Armee, der britischen Zeitung „Daily Telegraph“. Silou, der unter Assad selbst für die Waffen zuständig war, sprach von zwei Lagerstandorten für Giftgas - einer östlich von Damaskus, einer nahe Homs. Syrien soll größere Mengen der Kampfstoffe Sarin und Senfgas besitzen.

Gefechte in Damaskus dauern an

In der syrischen Hauptstadt Damaskus dauern die verlustreichen Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Aufständischen an. Armee-Hubschrauber griffen in der Nacht zum Samstag Berichten von Einwohnern zufolge Stellungen der Rebellen mit Raketen an. Zudem nahmen Panzer von der Ringstraße aus das Zentrum ins Visier, das die Rebellen nach dem Anschlag auf die Führung des Sicherheitsapparats zum Teil eingenommen hatten.

Leicht bewaffnete Aufständische nahmen Einrichtungen der Sicherheitskräfte und Straßensperren unter Beschuss. Die heftigen Gefechte in Damaskus halten seit rund einer Woche an. In den vergangenen Tagen hatten die Aufständischen deutlich an Boden gewonnen, den die Regierungstruppen zurückerobern wollen.

„Das Regime war die letzten drei Tage ohne Führung. Aber die Luft- und Bodenangriffe in Damaskus und den Vororten zeigen, dass es seine Schlagkraft nicht verloren hat und sich neu aufstellt“, sagte ein Oppositioneller. Bei einem Anschlag am Mittwoch waren vier der engsten Mitarbeiter von Präsident Bashar al-Assad getötet worden, darunter ein Schwager des Machthabers.

Rebellen nehmen Grenzübergänge ein

Die in Großbritannien ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte nannte den Donnerstag und den Freitag wegen des gewaltsamen Todes von 550 Menschen die beiden verlustreichsten Tage seit Beginn des Volksaufstands gegen Assad vor bald eineinhalb Jahren. Während ihrer Offensive brachten die Rebellen auch drei Grenzübergänge zum Irak und zur Türkei unter ihre Gewalt. Am Übergang Bab al-Hawa erlaubten Kämpfer die Plünderung eines Geschäfts für zollfreie Waren, der zum Imperium eines Assad-Cousins gehört.

Die Türkei hat nach den Plünderungen den Grenzübergang Cilvegözu an der Grenze zu Syrien geschlossen. Angehörige der Freien Syrischen Armee hätten 30 aus der Türkei kommende Lastwagen ausgeraubt und beschädigt, sagte der Gouverneur von Hatay, Celalettin Lekesiz, am Samstag zur Begründung. Neun Lastwagen seien zudem in Brand gesteckt worden. Andere wurden den türkischen Fahrern, die zum Teil bereits seit Tagen an dem Übergang warteten, um Lebensmittel und Medikamente nach Syrien zu bringen, zurückgegeben. Wann die Grenze wieder geöffnet wird, sei noch unklar, sagte Lekesiz.

Auch in der syrischen Wirtschaftsmetropole Aleppo dauerten die Kämpfe zwischen der Armee und den Aufständischen an. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte gingen die Gefechte am Samstag den zweiten Tag in Folge weiter. Demnach halten die Kämpfe im Stadtviertel Salaheddin bereits seit Freitagvormittag an. Einwohner seien wegen der Offensive auf der Flucht, teilten die oppositionellen Örtlichen Koordinationskomitees (LCC) der Protestbewegung mit.

Weitere Generäle in die Türkei geflüchtet

In Aleppo hatte sich der Widerstand gegen Präsident Assad erst in den vergangenen Monaten gebildet. Dort war es nach Beginn der Revolte im März 2011 lange Zeit ruhig geblieben. Inzwischen gilt die Universität von Aleppo als Zentrum der Widerstandsbewegung der Stadt.

Unterdessen sind zwei weitere syrische Generäle zusammen mit einer Gruppe anderer Offiziere in die Türkei geflüchtet. Das berichtete ein türkischer Behördenvertreter am Samstag. Damit erhöhte sich die Zahl der in die Türkei geflüchteten syrischen Generäle auf 24. Insgesamt sind 43.000 syrische Flüchtlinge in der Türkei registriert.

Der iranische Verteidigungsminister Ahmad Vahidi sprach am Samstag mit dem neuen syrischen Verteidigungsminister Fahd Jassim al-Freij am Telefon über den jüngsten Anschlag auf den inneren Führungskreis des Regimes in Damaskus. Wie die amtliche iranische Nachrichtenagentur IRNA berichtete, sagte Al-Freij, seine Regierung sehe sich einer Verschwörung der USA und Israels gegenüber.

Al-Freij war erst am Donnerstag als neuer Verteidigungsminister angelobt worden. Am Mittwoch war sein Amtsvorgänger Daoud Rajha zusammen mit weiteren ngen Vertrauten des syrischen Machthabers bei einem Bombenattentat in Damaskus getötet worden.

Ban schickt obersten Blauhelm

Zur Lösung der Syrienkrise will UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon zwei seiner höchsten Militärexperten nach Damaskus schicken. Er werde seinen Untergeneralsekretär für Friedensmissionen, Herve Ladsous, in die Krisenregion entsenden, sagte Ban am Samstag bei einem Besuch in Kroatien. Gleichzeitig solle General Babacar Gaye „vorerst in dieser kritischen Phase“ die Beobachtermission UNSMIS (United Nations Supervision Mission in Syria) leiten. Der Senegalese ist einer der ranghöchsten Militärs innerhalb der Vereinten Nationen.

„Die Vereinten Nationen bleiben aktiv in der Krise engagiert und sind voll mobilisiert“, sagte Ban. Ladsous solle die Situation erkunden. Der Franzose, Chef aller Blauhelmmissionen weltweit, ist so etwas wie der Verteidigungsminister der Vereinten Nationen. Die UNO-Mission UNSMIS war am Freitag in letzter Minute um weitere 30 Tage verlängert worden. Ihr bisheriger Führer, der norwegische General Robert Mood, stand aber nicht noch einmal zur Verfügung. (APA/Reuters/AFP/dpa)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Sa, 21.07.2012  14:26
aktualisiert: Sa, 21.07.2012  22:03
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