05.08.2012
Österreich

Der Patriotismus auf dem Weg zur Integration

Staatssekretär Kurz will in den USA und Kanada für die Integrationspolitik lernen. Aus New York nimmt er einen Appell zum Nationalstolz mit.

Von Wolfgang Sablatnig

New York – Die New Yorker Einwanderungskommissarin Fatima Shama kennt die Welt der Immigranten aus eigener Erfahrung. Ihre Mutter kam aus Brasilien in die USA, der Vater ist Palästinenser – und sie selber hat es als erste Muslima in die Spitze der New Yorker Stadtverwaltung unter Bürgermeister Michael Bloomberg geschafft. Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) hört aufmerksam zu. Er ist in den USA und Kanada, um Anregungen für die österreichische Integrationspolitik zu suchen.

Die Geschichte Shamas hat es Kurz angetan. „Wir könnten uns das abschauen, dass ein Zuwanderer seine Wurzeln nicht ablegen muss und sich dennoch als Amerikaner fühlt. Dieses Selbstbewusstsein, dieser Nationalstolz, das ist etwas, wo wir gewinnen könnten.“

Gemeinsame Werte, Patriotismus und neuen Nationalstolz – das würde sich Kurz auch für Österreich wünschen, wie er am Rand seines New-York-Aufenthalts im Gespräch mit Journalisten erklärte. Was können diese Werte sein? In den USA ist es die „Freiheit“, sagt Shama – eine Freiheit, die Zuwanderer in ihrer Heimat oft nicht erlebt hätten, vor allem aber eine Freiheit, Geld zu verdienen.

Und die Kommissarin unterstreicht die Bedeutung der Staatsbürgerschaft für die Zuwanderer. Der Antrag dafür kostet knapp 700 US-Dollar, die Immigranten müssen auch eine Prüfung ablegen – dann werde die Verleihung der Staatsbürgerschaft aber zum Ereignis und für die neuen Amerikaner „zum Geschenk gemacht“. Ihre Herkunft müssten die Menschen dennoch nicht vergessen: „Wir feiern das, wo wir herkommen. Wir feiern aber auch das, wo wir heute sind.“

Anlässe dafür gebe es genug. Die Einwohner New Yorks stammen aus 193 Ländern und sprechen 176 Sprachen, berichtet Shama. 60 Prozent der rund 8,4 Millionen Einwohner von New York City haben Migrationshintergrund. Diese Vielfalt verlangt von der Stadtverwaltung ganz pragmatische Lösungen. In den Ämtern wird nicht nur Englisch gesprochen, sondern auch Spanisch, Chinesisch, Koreanisch, Russisch, Italienisch und Kreolisch. Informationen für Eltern von Schülern gibt es gar in zehn Sprachen. „Wir müssen als Stadt sicherstellen, dass Integration funktionieren kann“, betont die Kommissarin.

Kurz nennt Freiheit, Leistung, Zusammenhalt, Solidarität und gegenseitige Wertschätzung als Werte, auf denen er in Österreich aufbauen will. Vermittelt werden sollten diese Werte schon in der Schule. Staatsbürgerkunde sollte ab zehn Jahren als eigenes Fach unterrichtet werden. Der Aufbau des Staates müsste dabei genauso Thema sein wie das Verständnis für Demokratie oder die Gleichstellung von Mann und Frau, fordert Kurz. Zudem will er den Jugendlichen Engagement in Gesellschaft und Politik schmackhaft machen.

Auf diese Ziele will sich der Integrationsstaatssekretär auch bei einer Neufassung des Staatsbürgerschaftstests konzentrieren, die er im Herbst präsentieren will: weg von historischem Faktenwissen hin zu Fragen, die das Zusammenleben betreffen.

Um Werte und Patriotismus neu entwickeln zu können, fordert Kurz aber auch die Einheimischen zu einer Haltungsänderung auf. „Wir neigen dazu, die eigene Kultur zu belächeln und unsere Religion schlechtzureden“, kritisiert er. Dieses Infragestellen fördere aber die Angst, überrollt zu werden. In den USA erlebe er anderes: „Die Menschen hier haben so viel Selbstbewusstsein, dass sie weniger Angst vor Neuem haben.“

Und noch etwas ist in den USA anders: Fatima Shama ist als Frau mit unmittelbarem Migrationshintergrund nicht allein in der Spitze der Stadtverwaltung. In Österreichs Politik hingegen sind die Grünen Alev Korun (Nationalrat) und Dönmez Efgani (Bundesrat) noch allein. „Wir haben diese Offenheit im politischen System noch nicht“, räumt Kurz ein. Die Vielzahl von Migranten etwa in der Bundesschülervertretung stimme ihn aber zuversichtlich, „dass sich die Vielfalt, die wir haben, in einigen Jahren auch in unserem politischen System abbildet“.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 05.08.2012
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