11.08.2012, 17:52  Aktualisiert: 11.08.2012, 18:28 
Militärschlag noch vor US-Wahl

Blufft Netanyahu - Oder steht Krieg gegen Iran bevor?

Israelische Kommentatoren wundern sich über die kaum besorgte Weltöffentlichkeit.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu.
Foto: EPA

Jerusalem/Wien - Sind die Drohungen des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu gegenüber dem Iran ein Bluff - oder steht der Welt tatsächlich ein Krieg gegen den Iran bevor, mit unabsehbaren Konsequenzen? Diese Frage stellen sich Kommentatoren in Israel, die sich darüber wundern, dass „die Welt deswegen kaum besorgt scheint“.

„Europa ist ruhig und (US-Präsident Barack) Obama verhält sich vage. Hat sich die internationale Gemeinschaft mit einem israelischen Militärschlag gegen die iranischen Atomanlagen abgefunden, oder glaubt die Welt einfach nicht, dass der Premier (Netanyahu) es wirklich tut?“, schreibt der Chefredakteur israelischen Zeitung „Haaretz“, Aluf Benn, am Wochenende.

Zuvor hatte es in Medienberichten geheißen, die israelische Führung erwäge einen militärischen Alleingang gegen das iranische Atomprogramm noch vor der US-Präsidentenwahl im November. Netanyahu und Verteidigungsminister Ehud Barak hätten einen solchen Entschluss schon „fast endgültig“ gefasst.

Israelische Kommentatoren zeigen sich verwundert, dass angesichts dieser Drohungen der Ölpreis nicht in die Höhe schieße und der UN-Sicherheitsrat nicht zusammentrete. Nicht einmal die iranischen Warnungen vor einem Gegenschlag schienen irgendjemanden zu beunruhigen. Die Märkte hätten sich offensichtlich auf einen israelischen Militärschlag eingestellt und die Risiken evaluiert. Nun warte man auf die Ausführung.

„Die internationale Gemeinschaft hat die ideologische Basis für eine israelische Operation gegen den Iran gelegt. Sie hat Netanyahu nicht mehr wegen der Besatzung, den Siedlungen und wegen des palästinensischen Staates behelligt. Das hat es Netanyahu ermöglicht, die israelischen Streitkräfte und die israelische Öffentlichkeit auf einen Krieg mit dem Iran vorzubereiten“, analysiert „Haaretz“.

Obama gelte zwar als entschiedener Gegner eines Militärschlags gegen den Iran. Doch seine Handlungen zeigten des Gegenteil. Er ziehe wieder einmal hinter den Kulissen die Fäden, so wie in Libyen und Syrien. Seine Doktrin sei, so „Haaretz“: Anstatt Amerika in einen neuen Nahost-Krieg zu verwickeln, würde Obama die Militäraktion auslagern und an einen „externen Agenten“ übertragen. In Libyen sei es Frankreich gewesen, in Syrien die „Freie Syrische Armee“ und im Iran seien es die israelischen Streitkräfte.

Zudem weist der „Haaretz“-Autor darauf hin, dass sich Obama, der Netanyahu eigentlich verachte, in Fragen des Siedlungsbaus viel aggressiver gegenüber dem israelischen Premier verhalten habe als in der Iran-Frage. Der Grund: „Obama braucht die Unterstützung der amerikanischen Juden bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen (...) Das ist einer der Gründe, warum Netanyahu und Barak in den kommenden Wochen angreifen wollen, wenn Obama aus politischer Notwendigkeit zu Hause gezwungen sein wird, Israel zu unterstützen“,

Europäer und Amerikaner könnten nun denken, dass Netanyahu lediglich bluffe. „So wie viele von ihnen seine Äußerungen über einen künftigen palästinensischen Staat nicht glaubten, werden sie jetzt vielleicht denken, das Gerede über einen Militärschlag seien nur leere Worte“, gibt der „Haaretz“-Chefredakteur zu bedenken. (APA)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Sa, 11.08.2012  17:52
aktualisiert: Sa, 11.08.2012  18:28
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