16.08.2012
TT-Interview

ÖBB rechnen mit Millionengewinn

ÖBB-Chef Kern schmettert Tirol-Kritik am Güterverkehr ab. Er kündigt für das Halbjahr ein zweistelliges Millionen-Plus an und greift die AUA auf der Strecke Innsbruck – Wien an. 2 Mrd. Euro Investitionen in Tirol geplant.

Das Vorjahr schlossen die ÖBB mit 28 Mio. Euro Verlust ab. Wohin steuern die Bundesbahnen heuer?

Christian Kern: Das Halbjahr werden wir mit einem positiven Ergebnis abschließen. Das operative Geschäft liegt im zweistelligen Millionenbereich im Plus. Dieses Niveau werden wir aber nicht halten können. Der Italien-Verkehr ist weggebrochen, der ganze Bogen Italien, Slowenien bis zur Türkei liegt signifikant unter den Vorjahren. Wir glauben trotzdem, dass wir heuer schwarze Zahlen schreiben.

Worin sehen Sie das positive erste Halbjahr begründet?

Kern: Wir haben die Produktivität um 20 % gesteigert. Wenn man 3000 Mitarbeiter aus dem System nimmt, führt das zu einer besseren wirtschaftlichen Basis – alleine die Mitarbeiterreduktion hat einen Gegenwert von 180 Mio. Euro. Auch stiegen die Passagierzahlen. Bundesweit legten Ticketverkäufe und -umsätze um 4 % zu – bei 450 Mio. Fahrgästen im Jahr ist das ein großer Brocken. In Tirol mit 15 Mio. Nahverkehrs-Fahrgästen liegt das Plus bei 6 %.

Im Juli wurden Bahn-Tickets im Schnitt um 8 % teurer: Wie hat es sich auf die Frequenz ausgewirkt?

Kern: Gar nicht, der Juli war wieder ein guter Monat.

Laut Westbahn-Konkurrent Haselsteiner ist Bahnfahren aber zu billig. Droht noch was an der Preisfront?

Kern: Wir beschäftigen uns nicht mit einer weiteren Preiserhöhung, wir wollen für das Geld mehr bieten. Railjets sind bis Ende 2012 mit WLAN ausgestattet. Ein neues Ticketing-System kommt mit Oktober, künftig bringen wir auch neue Handy-Apps.

Wie wird sich das Duell mit der privaten Westbahn entwickeln?

Kern: Die Westbahn wird als Konkurrent erhalten bleiben. Aber Hans Peter Haselsteiner (Westbahn-Chef, Anm.) hat verstanden, dass man mit Bahnfahren kein schnelles Geld verdient. Mit der französischen Staatsbahn SNCF hat er aber jemand im Boot, der möglicherweise ein Interesse hat, weiter auszubauen.

Kritik gibt es im Güterverkehr: Tiroler Holzbetriebe haben die Preissteigerungen von 30 % angeprangert.

Kern: Im Güterverkehr haben wir massiv an der Kosten- schraube gedreht. Darüber sind die Kunden unglücklich, aber man kann keine Standortprobleme am Rücken der ÖBB lösen. In unserer wirtschaftlichen Lage haben wir nichts zu verschenken.

Können die ÖBB den Betrieben entgegenkommen?

Kern: Das ist nichts, was man auf Bazar-Art verhandeln kann. Das Segment ist für die Bahn wirtschaftlich nicht besonders profitabel. Selbst Privatbahnen drängen nicht in dieses Geschäft. Auch ich habe keinen Spielraum. Deshalb hilft es nichts, wenn politische Interventionen auf uns einhageln.

Auch die RoLa kämpft mit massiven Auslastungsproblemen.

Kern: Die RoLa wird Marktanteile verlieren. Wir haben unter der Aufhebung des sektoralen Fahrverbots durch den EuGH stark gelitten.

Derzeit wird die Brennerstrecke totalsaniert. Welche Investitionen sind in Tirol noch geplant?

Kern: Von den 55 Mio. Euro für die Brenner-Sanierung gehen im Übrigen 40–50 % an Tiroler Firmen. In den nächsten 5 Jahren werden wir in Tirol zwei Milliarden Euro investieren, hauptsächlich in den Brennerbasistunnel. Die Unterinntaltrasse wird mit 9. Dezember eröffnet. Somit fahren wir die Strecke Innsbruck – Wien in knapp mehr als vier Stunden. Damit fordern wir die AUA heraus.

Sie hatten bezüglich des BBT stets einen politischen Auftrag eingefordert: Sind Sie jetzt zufrieden?

Kern: Die damals geforderte Finanzierungsgarantie durch den Bund haben wir bekommen. Das politische Bekenntnis ist absolut ausreichend. Auch Italien will das Projekt durchziehen. Und Diskussionen über Zulaufstrecken in Deutschland bringen auch nichts: Es gibt den Vertrag mit Herrn Ramsauer (deutscher Verkehrsminister, Anm.). Auf diese Zusagen wird man sich verlassen können.

Befürchtet wird eher, dass sich der Bau der Zulauf­strecke in Italien verzögert.

Kern: Diese Kritik ist ungerecht. In Italien wurde ein Konsens gefunden, Mauteinnahmen des Landes Südtirol werden dem Projekt gewidmet. Gerade in Italien habe ich den Eindruck, dass es keine Unstimmigkeit gibt.

Verunsichert Sie das politische Hickhack um Brenner- und Koralmtunnel?

Kern: Der Bund haftet, daher haben wir keine wirtschaftlichen Risiken. Dass sich betriebswirtschaftlich weder BBT noch Koralm rechnen, ist außer Streit. In Europa gibt es keine Bahninfrastruktur, die sich betriebswirtschaftlich rechnet. Selbst der Eurotunnel musste trotz 80 % Marktanteil zwei Mal entschuldet werden.

Das Gespräch führten Mario Zenhäusern und Max Strozzi

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Do, 16.08.2012
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