Reise ins Highspeed-Zeitalter
Bahn frei
Der fahrplanmäßige Betrieb der neuen Unterinntalbahn startet am 9. Dezember 2012. Geführt werden hier Railjets und Güterzüge.
Insgesamt wurden 40 Kilometer Strecke zwischen Kundl und Baumkirchen neu gebaut. 34,5 Kilometer davon sind in Tunnels, Wannen und einer Galerie. Es gibt 34 Rettungsschächte und sechs Zugangsstollen.
Von bisher maximal 160 km/h erhöht sich die Geschwindigkeit jetzt im optimalen Fall auf 220 km/h. Das hatte bei Anrainern für einige Proteste und Befürchtungen gesorgt. Die ÖBB haben nach eigenen Angaben 30.000 m² lärmabsorbierende Elemente verbaut, um die Anrainer zu schützen.
Von Marco Witting
Innsbruck – Da ist Zug dahinter – im wahrsten Sinne des Wortes. Lokführer Albert Schneitter bewegt den Hebel mit seiner linken Hand ein kleines Stück nach vorne, ganz so, als würde er mit einem Joystick eine Figur in einem 90er-Jahre-Computerspiel manövrieren. Doch die kleine Handbewegung zeigt Wirkung. Und beschleunigt die Testlok in kürzester Zeit von 160 auf 220 km/h, während die Mitfahrer den Tempowechsel spüren und reflexartig erstmal nach dem Haltegriff schnappen.
220 km/h? Und das legal? In Tirol bisher unvorstellbar. Durch die neue Unterinntaltrasse wird das ab Dezember möglich. Bei einer der ersten Testfahrten mit einer 10.000 PS starken Tauruslok hatte die Tiroler Tageszeitung gestern erstmals die Gelegenheit, die Bahnfahrt der Zukunft durchs Unterland zu testen.
Die Reise ins „Highspeedzeitalter“, wie ÖBB-Sprecher Rene Zumtobel es nannte, beginnt am Innsbrucker Hauptbahnhof. Und verläuft bis Baumkirchen wie eine ganz normale Bahnfahrt. Doch dann taucht die Testlok ab in die neu gebaute Unterinntaltrasse und ein neues Zeitalter für die ÖBB in Tirol. Noch während die Lokomotive in den Tunnel einfährt, wird beschleunigt. Das ist deutlich zu spüren. Ein Blick auf die Tachonadel zeigt: 200 km/h. So nimmt die Garnitur auch die erste Rechtskurve. Noch einmal kurz den Schalthebel getippt und die Maschine gibt wieder Gas: 220 km/h. Beleuchtete Fluchtwege huschen vorbei, kleine Lichter an der Tunnelwand vermitteln das Gefühl, in einem Science-Fiction-Film gelandet zu sein. Doch nach kurzer Zeit ist von der enormen Geschwindigkeit nichts mehr zu spüren. Ein Gewöhungseffekt tritt ein. Lehrlokführer Martin Baumgartner beschreibt währenddessen den aktuellen Standort. Jenbach. Wiesing. Münster. Die Unterländer Gemeinden scheinen schier vorbeizufliegen. Einzig die Aussicht fehlt hier tief unter der Erde. Nur in Stans macht die Strecke einen kurzen Blick nach oben.
Trotz des Tempos ist es relativ ruhig in der Testlokomotive. Das komme vom so genannten Masse-Feder-System, das beim Bau eingesetzt wurde. Das bietet Erschütterungsschutz für Fahrgäste und Anrainer, wie Lehrlokführer Martin Baumgartner erklärt. Bei diesen Fahrten sitzen derzeit stets zwei Lokführer an den Hebeln im Kommandostand der Lok. Denn nicht nur die Strecke ist neu, auch die „Fahrweise“ ändert sich. Bisher fuhren die ÖBB-Mitarbeiter stets nach den Streckensignalen. Ab einem Tempo von 160 km/h hat dann aber ein elektronisches System, das dem Lokführer auf einem Laptop den Verkehr auf der Strecke anzeigt, Vorrang. Bis dieses System installiert ist und die rund 500 Mitarbeiter eingeschult worden sind, fahren Schneitter und Baumgartner bei den Testfahrten zweigleisig.
Kurz vor Brixlegg wird der Inn unterquert. Trockenen Fußes, wie Baumgartner scherzhaft anmerkt. Es brauche auch bei diesem Tempo weder Sicherheitsgurte noch Helm. Und auch die Rettungsgasse sei nicht zu bilden. Dann ist Licht am Ende des Tunnels. Und der Bremsvorgang wird eingeleitet. Bei einer derartigen Geschwindigkeit dauert dieser naturgemäß einige Kilometer. In Kundl, kurz nachdem Neubau- und Bestandsstrecke wieder zusammenkommen, ist die Reise dann zu Ende. Die Fahrt von Innsbruck hierher hat knapp 24 Minuten gedauert. Von Baumkirchen bis Kundl waren es gar nur knapp 14 Minuten.
„Mit 220 km/h ist der Zug doppelt so schnell wie ein Auto auf der Autobahn beim Lufthunderter“, erklärt Pressesprecher Zumtobel. Den Vorschusslorbeeren muss der Zug – in Sachen Pünktlichkeit – erst im Regelbetrieb gerecht werden. Ab 9. Dezember wird der Streckenabschnitt genutzt. Der Haken daran: So schnell fährt nur der Railjet, der neben den Güterzügen hier geführt wird. Von Innsbruck fahren aktuell zehn dieser Züge täglich in Richtung Wien und ebenso viele wieder zurück. „Durch die Entlastung bei den Güterzügen auf der Bestandsstrecke werden für den Personennahverkehr im Unterland dringend benötigte Kapazitäten frei“, erklärt Zumtobel. Wer ab Dezember in Richtung Wien fährt, der gewinnt durch die Unterinntaltrasse zwischen 15 und 20 Minuten pro Strecke. Die Railjets brauchen knapp über vier Stunden. IC-Züge unter fünf Stunden.
Bis dahin werden die Lokführer intensiv eingeschult. Dazu gehört auch ein intensives Simulatortraining. Bevor es für die Mitarbeiter dann Bahn frei für Tempo 220 heißt, gibt es noch Lehrfahrten und Tests.


Startschuss für neuen Landtag
