„Das ganze Land steht in Flammen“
Steckbrief
Wie schätzen Sie die humanitäre Lage in Syrien ein?
Kristalina Georgiewa: Die Lage hat sich sehr schnell zum Schlechteren verändert. Heute brauchen mehr als 2,5 Millionen Syrer humanitäre Hilfe. 1,2 Millionen von ihnen sind Binnenflüchtlinge. Die Nebenwirkungen sind in der Nachbarschaft bereits spürbar. Die Zahl der Vertriebenen ist ein sehr wichtiger Indikator für die Entwicklung – das ist jetzt ein ausgewachsener Bürgerkrieg.
Wann war der Wendepunkt?
Georgiewa: Mitte Juli. Davor ist die Zahl der Vertriebenen relativ langsam gewachsen, und die Menschen sind oft nach Hause zurückkehrt, wenn sich die Lage beruhigt hatte. Im März hat die syrische Regierung dann die Taktik geändert und ist aggressiver geworden. Daraufhin sind die Menschen in größerer Zahl um ihr Leben gerannt, und sie sind nicht mehr zurückgekehrt. Seit Mitte Juli gibt es keinen Ort mehr, wohin die Menschen flüchten können. Es steht mehr oder weniger das ganze Land in Flammen. Täglich überschreiten 2000 Menschen die Grenze. Sogar das am besten vorbereitete Land – die Türkei – erreicht einen Punkt, an dem es schwierig wird.
Wo liegt dieser Punkt?
Georgiewa: Als ich Ende Juni die Flüchtlingslager in der Türkei besucht habe, waren dort 32.000 Syrer. Die Türken haben damals gesagt, dass sie in der Lage sind, 50.000 Menschen zu versorgen. Jetzt haben sie mehr als 70.000 und sagen, dass sie bei 100.000 vielleicht ihre Haltung überdenken müssen.
Eine besonders dramatische Veränderung ist aber die Verletzung des humanitären Völkerrechts in Syrien selbst. Zivile Helfer werden angegriffen; Menschen werden aus Rettungswägen gezogen und erschossen; sieben Helfer haben ihr Leben verloren.
Wir tun ziemlich viel, um den Menschen zu helfen. Das Welternährungsprogramm der UNO und das Rote Kreuz versorgen bald eine Million Menschen mit Nahrung. Aber die Zahl der Menschen, die Hilfe braucht, wächst viel rascher als unsere Fähigkeit zu helfen. Es kommt mir vor, als würden wir einen hohen Berg erklimmen, und je höher wir klettern, desto höher wächst der Berg.
Was muss geschehen?
Georgiewa: Wir fordern erstens, dass die Staatengemeinschaft eine starke Botschaft an die syrische Regierung und die Rebellen schickt: Respektiert das humanitäre Völkerrecht! Ihr habt Verpflichtungen! Wir wissen von anderen Ländern, dass Versäumnisse in diesem Bereich enorme Konsequenzen für die Zukunft haben.
Zweitens fordern wir starken Druck auf die syrische Regierung, mehr humanitäre Helfer nach Syrien zu lassen. Internationales Personal bringt mehr Hoffnung, Ruhe und Stabilität.
Wir hoffen, dass diese Anliegen am 30. August im Weltsicherheitsrat oben auf der Agenda stehen. Während die Welt sich um eine politische Lösung bemüht, leiden Menschen. Es braucht viel mehr Aufmerksamkeit für die humanitäre Lage. Wenn Hilfe hineinkommt, werden auch weniger Menschen hinauslaufen.
Sie haben Kampfpausen für humanitäre Hilfe gefordert. Welche Reaktion haben Sie darauf erhalten?
Georgiewa: Kampfpausen sind noch nicht ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, aber das müssen sie. Es gibt eine Chance, wenn die Staatengemeinschaft entschlossen auftritt. Die bloße Anwesenheit von humanitären Helfern verringert schon das Leiden, weil sie hilft, die Dinge zu beruhigen. Als ich vor zwei Jahren in Kirgistan war, hat mir einer nach dem anderen gesagt: Bitte schicken Sie mehr Leute!
Wir haben mit der UNO und der Arabischen Liga Treffen unter dem Titel „Syrian Humanitarian Forum“ abgehalten, die alle an einen Tisch brachten. Anfangs gab es zwar Versuche, diese Treffen zu politisieren, aber jetzt konzentriert sich die Diskussion wirklich auf humanitäre Fragen. Das hat etwa dazu geführt, dass die syrische Regierung der UNO besseren Zugang gewährt und internationalen Hilfsorganisationen erlaubt, in Syrien zu operieren.
Welche Mittel kommen von der Europäischen Union?
Georgiewa: In der EU haben wir die Finanzierung der humanitären Hilfe für Syrien rasch auf 146 Mio. Euro erhöht, davon kommen 96 Mio. von der Kommission. Wir sind der Geldgeber Nummer eins auf der humanitären Seite und wir sind bereit, mehr zu tun. Dafür aber brauchen wir Zugang.
Die Leute sagen mir manchmal: „Kristalina, du bist naiv, den Rebellen und der syrischen Regierung zu sagen, dass sie aufhören sollen, einander umzubringen und Zivilisten umzubringen.“ Aber wir haben eine moralische Verpflichtung, beiden Seiten zu erklären: „Ihr habt Verpflichtung aus dem Völkerrecht! Was ihr tut, ist ein Kriegsverbrechen, und das hat Konsequenzen.“ Wir müssen mit einer Stimme und laut und deutlich sprechen.
Was erwarten Sie in Syrien in den kommenden Wochen?
Georgiewa: Wir beten immer für das Beste und bereiten uns auf das Schlimmste vor. Das Schlimmste ist, dass die Kämpfe weitergehen, möglicherweise mit mehr Druck auf die Flüchtlinge. Uns besorgt, dass konfessionelle Linien gezogen werden. Das kann die Dinge schwieriger machen.
Ich habe Syrer gefragt, ob sie einen Weg finden können, wieder zusammenzukommen. Alle haben geantwortet: Es ist zu viel Blut vergossen worden. Seitdem ist aber noch mehr Blut geflossen. Wir haben diese Abwärtsspirale an anderen Orten gesehen. Der einzige Ausweg ist, eine neue Dynamik an der politischen Front zu erzeugen. Aber wie das funktionieren kann, liegt noch immer im Nebel. Die Menschen stimmen indessen mit den Füßen ab und unsere Aufgabe ist es, so vielen wie möglich zu helfen.
Das Gespräch führte Floo Weißmann


