09.09.2012
International

Elite von Nordkorea vermietet ihr Volk

Immer mehr Nordkoreaner werden als Gastarbeiter nach China geschickt. Ihre Einkünfte kassiert das Kim-Regime.

Von Bernhard Bartsch

Peking – Nordkoreas Elite pflegt einen aufwändigen Lebensstil, mit importierten Lebensmitteln, teuren Autos und Shopping-Reisen in asiatische Metropolen. Finanziert wird der Luxus durch Exporte von Rohstoffen, Waffen – und zunehmend von Menschen. Tausende Nordkoreaner werden in Gastarbeitertrupps nach China geschickt. In chinesischen Fabriken sind sie hochwillkommen, denn die Nordkoreaner sind billiger, gehorsamer und leidensfähiger als die immer anspruchsvolleren chinesischen Arbeiter. Ihre Gehälter fließen direkt in Nordkoreas Staatskasse.

Obwohl internationale Menschenrechtsgruppen die nordkoreanische Arbeitskräftevermietung als moderne Sklaverei kritisieren, wird darum in China kein Geheimnis gemacht. Staatsmedien berichten offen über den neuen Gastarbeitertrend. „Wer nach China kommt, bleibt etwa drei bis fünf Jahre und kann den Job nicht kündigen, auch wenn er ihm nicht gefällt“, zitierte die Global Times kürzlich einen Fabrikmanager. Mit der Arbeitsleistung seiner nordkoreanischen Angestellten ist er äußerst zufrieden. „Chinesische Arbeiter sind im Vergleich ziemlich hitzköpfig und weniger engagiert.“ Die nordkoreanischen Angestellten leben meist streng abgeschottet, bewacht von nordkoreanischen Aufpassern. Sie haben eigene Werkräume und Wohnheime. Das Fabrikgelände dürfen sie nicht verlassen.

40.000 Nordkoreaner sollen in einer ersten Phase nach China kommen, sieht ein kürzlich unterzeichnetes Regierungsabkommen vor, berichtet die südkoreanische Chosun Ilbo. Gefragt sind Näherinnen, Techniker, Mechaniker, Bergleute und Bauarbeiter. Rund 2000 Yuan (240 €) bezahlen die chinesischen Fabriken für ihre nordkoreanischen Angestellten, so die Global Times. Dafür schuften sie bis zu 11 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Chinesische Arbeiter würden für die gleiche Arbeit doppelt so viel Geld verlangen. Bezahlt werden die Gehälter an die offiziellen nordkoreanischen Arbeitsvermittler. Die Angestellten selbst erhalten angeblich nur 300 bis 400 Yuan (36 bis 48 €), ausgezahlt in nordkoreanischer Währung. Das liegt leicht über den in Nordkorea üblichen Gehältern.

Die Chinesen sind nicht die ersten, an die Nordkorea sein Volk vermietet. Schon zu Sowjetunionzeiten arbeiteten Nordkoreaner in Sibirien als Holzfäller oder Bergleute. Pjöngjang zahlte Moskau damit seine Schulden zurück. Inzwischen hat Pjöngjang sein Gastarbeitersystem global etabliert: Nordkoreaner arbeiten in diversen Ländern Asiens, Afrikas, des Nahen Ostens und Osteuropas. Der japanischen Zeitung Asahi Shimbun zufolge wurden Nordkoreaner auch in Tschechien ausgebeutet. Auch in den 2010 von WikiLeaks veröffentlichen US-Diplomatendepeschen finden sich Berichte über nordkoreanische Gastarbeiter. Anfang dieses Jahres schrieb das US-Außenministerium in einem offiziellen Bericht, es gebe glaubwürdige Informationen, wonach Nordkoreas Behörden die daheimgebliebenen Familien bestrafen, wenn ein Gastarbeiter zu fliehen versucht oder sich beschwert.

In Chinas Staatsmedien tauchen derartige Informationen höchstens verklausuliert auf. Stattdessen verkauft man die Kooperation mit dem Nachbarland als chinesischen Beitrag zu wirtschaftlichen Reformen. Je mehr Nordkoreaner ins Ausland gingen, umso schneller werde sich das Land öffnen, lautet das Argument. Außerdem sei es besser, Nordkorea verdiene selbst Geld, statt auf ausländische Hilfslieferungen angewiesen zu sein. Südkoreanische Menschenrechtler sehen das freilich anders. „Dieses Gastarbeitersystem hilft, das nordkoreanische Regime am Leben zu halten“, sagt der südkoreanische Aktivist Kim Sang-hun. „Das Geld ermöglicht es Nordkorea, sich vor echten Reformen zu drücken.“

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 09.09.2012
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