„Entertainer sind sie beide nicht“
Wien – „Bei uns ist jeder Schmarrn plötzlich ein österreichisches Problem“, versuchte sich der Wiener Bürgermeister und SPÖ-Chef am Mittwochabend als Gast in der Lounge der Tiroler Tageszeitung in Wien als Tiefstapler. Freilich habe diese Rolle aber auch den Vorteil, dass er sich zu vielen Dingen artikulieren könne – wovon er im Gespräch mit TT-Chefredakteur Alois Vahrner und dem früheren Nationalratspräsidenten Andreas Khol auch reichlich Gebrauch machte.
Der Bundesregierung stellte der SPÖ-Grande dabei ein durchaus gutes Zeugnis aus. Angesichts der Lage von Wirtschaft und Arbeitsmarkt sei ein generelles Bashing wohl nicht angebracht. Nur in der Bildungspolitik sei schon sehr viel Zeit versäumt worden. Und das Desinteresse, das der Wissenschaft als einer der entscheidenden Zukunftsfragen des Landes entgegengebracht werde, verstehe er überhaupt nicht.
Zwar gebe es in Österreich nach wie vor hervorragende Wissenschafter, die Investitionen in Ausrüstung und Personal ließen aber sehr zu wünschen übrig, wie Häupl am Beispiel eines Besuchs im Labor für anorganische Chemie der Uni Wien bedauerte: „Da schaut alles noch so aus wie zu meiner eigenen Studienzeit. Das schaut aus wie bei Harry Potter.“
Ob die rot-schwarze Koalition noch vor der Wahl im Herbst 2013 große Bildungsreformen auf den Weg bringen werde, sieht der Bürgermeister offen. Er hoffe schon – doch wenn nicht, wäre es besser, gleich zu wählen.
Positiv beurteilte Häupl den Vorstoß von Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) für ein zweites Kindergartenjahr für all jene, die Sprachprobleme haben. Wien verfolge bereits mit Erfolg ein ähnliches Programm: Wenn ein Kind im verpflichtenden Kindergartenjahr nicht genug Deutsch lerne, werde ein zweites Jahr angehängt.
„Stolz“ ist Häupl nach eigenem Bekunden darauf, die Diskussion über die Wehrpflicht und damit die Volksbefragung darüber vom Zaun gebrochen zu haben. Denn eine Reform müsse kommen, unabhängig vom Ergebnis am 20. Jänner: „Wenn es beim Bundesheer mehr Köche gibt als Pioniere, schreit das nach einer Reform.“
Ein Ergebnis wolle er aber nicht vorhersagen: „Das wird stark davon abhängen, wie wir in Wien die Diskussion um den Zivildienst führen. Und davon, wie es meinem Freund Erwin Pröll gelingt, darzustellen, dass Niederösterreich beim nächsten Hochwasser ohne Wehrpflicht im Wasser versinkt.“
Häupl will einen Abschied von der Wehrpflicht. Er weiß aber auch, dass es dazu in der SPÖ so wie auch in Sachen Studiengebühren unterschiedliche Meinungen gibt. „Je bürgerlicher die SPÖ wird, desto größer wird die Disziplinlosigkeit“, nutzte er diesen Umstand zu einem Seitenhieb auf die ÖVP.
Dass die (Bundes-)Partei beim morgigen Parteitag einen Programmprozess starten will, lässt ihn aber über die eigenen Genossen den Kopf schütteln: „Was es für einen Sinn machen soll, dass man in einem beginnenden Wahlkampf eine Programmdiskussion führt, entzieht sich meiner Kenntnis.“
Sich selbst sieht Häupl als Beispiel einer Gattung ohne Zukunft: „Die Politiker von morgen werden eher trockene Managertypen sein. Wir Entertainer sterben aus.“
Apropos Entertainer: Was hält Häupl von Kanzler Werner Faymann und Vize Michael Spindelegger? Er spricht ihnen zu, gute Sacharbeit zu leisten. „Doch der Stil der beiden Herren ist sehr zurückhaltend. Entertainer sind sie beide nicht.“ (sabl)


