12.10.2012, 09:23  Aktualisiert: 12.10.2012, 15:02 
China

Chinas Literaturnobelpreisträger hofft auf Freiheit für Liu Xiaobo

In der Kontroverse um seinen Literaturnobelpreis geht der chinesische Schriftsteller Mo Yan in die Offensive. Er setzt sich für eine Freilassung des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo ein. Auch wehrt er sich gegen Vorwürfe, eine politische Schere im Kopf zu haben.
Mo Yan setzt sich für eine Freilassung des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo ein.
Foto: EPA

Von Andreas Landwehr

Peking – Einen Tag nach seiner Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis tritt der chinesische Schriftsteller Mo Yan in politische Minenfelder. Der 57-Jährige äußerte die Hoffnung, dass der inhaftierte chinesische Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo seine Freiheit zurückerlangt. Vor Journalisten in seinem Heimatort Gaomi in der Provinz Shandong in Ostchina verwahrte sich Mo Yan gegen Vorwürfe der Selbstzensur. Er räumte aber ein, dass es in China keine Publikationsfreiheit gebe, sah aber eine Entkrampfung.

Wann das nächste Buch von Mo Yan – der Roman „Wa“ (Frösche) – auf Deutsch erscheint, blieb auch am Freitag zunächst unklar. Der Hanser Verlag in München wusste noch nicht, ob er es schafft, die für Frühling 2013 geplante Veröffentlichung vorzuziehen.

In seinen ersten Äußerungen über seinen Nobelpreisvorgänger Liu Xiaobo sagte Mo Yan auf Fragen: „Ich hoffe, dass er seine Freiheit zurückgewinnt.“ Liu Xiaobo war 2009 zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Ihm wird „Untergrabung der Staatsgewalt“ angelastet. 2010 erhielt der Mitverfasser der „Charta 08“ für Demokratie und Menschenrechte in China den Friedensnobelpreis.

Seine Frau Liu Xia wird in Peking unter Hausarrest gehalten. Erstmals seit zwei Jahren wurde die 53-Jährige auf einem geheim aufgenommenen Video gesehen, das die Organisation Reporter ohne Grenzen anlässlich der Bekanntgabe des Friedensnobelpreises in Oslo – diesmal an die Europäische Union – veröffentlichte. Es zeigt die Dichterin und Fotografin rauchend am Fenster ihrer Wohnung, die von Polizisten streng abgeriegelt wird.

„Natürlich gibt es keine absolute Freiheit in China, einen Roman zu veröffentlichen“

Der frisch gebackene Literaturnobelpreisträger Mo Yan verteidigte sich gegen Vorwürfe, dem diktatorischen System zu nahe zu stehen. „Ich lebe und arbeite in China“, sagte Mo Yan. „Ich schreibe in China unter der Führung der Kommunistischen Partei. Aber meine Werke können nicht von einer politischen Partei eingeschränkt werden.“ Auch andere Länder hätten Zensur aus religiösen oder ethnischen Gründen. „Natürlich gibt es keine absolute Freiheit in China, einen Roman zu veröffentlichen.“ Im Vergleich zu den 50er und 60er Jahren sei man aber „überrascht“, wie die Beschränkungen nachgelassen hätten.

Auf der Frankfurter Buchmesse bezeichnete der in China verfolgte Autor Liao Yiwu, Mo Yan am Freitag als „Staatsautor“. „Er vertritt das Regime“, sagte Liao, der am Sonntag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennimmt. Zwar habe Mo Yan literarisch eine hohe Ebene erreicht. Es gehe ihm aber nicht um die Menschenrechte im kommunistischen China. Liao lebt seit seiner Flucht aus China im vergangenen Jahr in Berlin. In seiner Heimat saß der Dissident mehrere Jahre im Gefängnis.

Die kommunistische Führung gratulierte Mo Yan am Freitag. Propagandachef Li Changchun schrieb, die Auszeichnung spiegele den Fortschritt in der chinesischen Literatur wider. Ungeachtet aller Kontroversen wurde der Preis in China auch mit Stolz und Freunde aufgenommen. Professoren sahen einen „historischen Durchbruch“. Mo Yans Bücher gingen rasant über den Ladentisch und waren bei Internetbuchhändlern ausverkauft. „Viele Leute kommen, um seine Bücher zu kaufen“, sagte ein Verkäufer. „Wir haben nur noch wenige übrig.“

Chinas Staatsmedien wiesen darauf hin, dass frühere Verleihungen des Friedensnobelpreises an den Dalai Lama, das exilierte religiöse Oberhaupt der Tibeter, oder den Bürgerrechtler Liu Xiaobo „feindliche Botschaften“ übermittelt hätten, wie die Global Times kommentierte. „Könnte die Entscheidung auch ein Zeichen sein, dass das Nobelkomitee versucht, die Spannungen mit China abzubauen?“

Ai Weiwei: „Ein Schriftsteller, der sich nicht der Realität stellt, ist ein Lügner“

Der regimekritische chinesische Künstler Ai Weiwei schrieb spitze Kommentare im Kurznachrichtendienst Twitter: „Ein Schriftsteller, der sich nicht der Realität stellt, ist ein Lügner.“ Der Zeitung Die Welt sagte Ai Weiwei, er akzeptiere das politische Verhalten von Mo Yan nicht. „Er ist möglicherweise ein guter Schriftsteller. Aber er ist kein Intellektueller, der die heutige chinesische Zeit vertreten kann.“ Weiter meinte der Künstler: „Einen Nobelpreis an jemanden zu geben, der von der Realität abgehoben lebt, ist eine rückständige und unsensible Verfahrensweise. Dennoch gratuliere ich ihm dazu.“.

Andreas Landwehr ist Korrespondent der dpa.

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Fr, 12.10.2012  09:23
aktualisiert: Fr, 12.10.2012  15:02
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