Geballte Angriffslust, die Obama fehlte - Reaktionen auf Vize-Duell
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Kopfschütteln, Lachen, Augenrollen: Vizepräsident Joe Biden versuchte sein Gegenüber Paul Ryan bei jeder Gelegenheit ins Lächerliche zu ziehen.
Foto: Reuters
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Washington - In der TV-Debatte der Vizes am Donnerstagabend (Ortszeit), zeigte Joe Biden deutlich auf, was Obama im ersten Duell mit Romney gefehlt hatte: Leidenschaft und Angriffslust. Auch wenn der 69-Jährige es zuweilen übertrieb. Dementsprechend gemischt fallen die Reaktionen der wichtigsten US-Kommentatoren aus.
Der US-Präsident selbst zeigte sich angetan von der Schlagfertigkeit seines Vizes. „Ich muss sagen, dass Joe Biden heute einen hervorragenden Job gemacht hat“, sagte Obama. Bei einer eher ungewöhnlichen Erklärung direkt unter dem Flügel der Präsidentenmaschine lobte er Biden vor allem für seinen Einsatz für die Mittelschicht. Einer der führenden US-Blogger, Andrew Sullivan, sah einen „soliden Sieg“ für Biden, bezeichnete Ryan gleichzeitig aber als „kompetent“.
Auch Mitt Romney zeigte sich höchst zufrieden mit seinem Vize. Er habe Ryan bereits angerufen und ihm gesagt, dass „seine Familie stolz auf ihn“ sein könne, erklärte der republikanische Herausforderer. Ryan habe sich „fantastisch“ geschlagen. Der republikanische Senator von South Dakota, John Thune, meinte zur Vorstellung Bidens süffisant: „Er hatte sein Red Bull. Sein Koffeinspiegel war definitiv hoch“.
„Unhöflich und fies“
Weekly Standard-Blogger Fred Barnes kritisiert die Art Bidens hart: „Man gewinnt keine landesweit im TV laufende Debatte, indem man unhöflich und fies agiert“, konstatierte das konservative Blatt. „Obwohl Ryan einige schwache Momente hatte, ist das einzige was wir aus dieser Debatte mitnehmen können, Bidens außer Kontrolle geratenes Verhalten. Das wird noch lange in Erinnerung bleiben - aber nicht positiv.“
Kommentator Jonathan Chait vom New York Magazine sieht im Auftritt Bidens hingegen ein starkes Lebenszeichen von den Demokraten. „Der Unterschied zu Obama liegt beim sehr sehr unterschiedlichen Energielevel. Obama geht Debatten mit der selben intellektuellen Methode an, wie seine Reden oder Bücher. Biden fährt einfach über sein gegenüber drüber.“ Und weiter: „Ryans Auftritt war nicht so gut, wie ich erwartet habe. Er wirkte grüner hinter den Ohren und musste offensichtlich schlucken, als er angegriffen wurde.“
„Joe hat geliefert“
Gerald F. Seib stellt sich im konservativen Wall Street Journal die Frage, ob es Biden nicht zu heftig anging: „Hat Mr. Biden zurückgeschlagen oder ging er zu weit?“ Die Konservativen dürften laut der Zeitung zufrieden sein: „Mit Mr. Ryan haben sie jemanden, der die konservativen Prinzipien in Finanzangelegenheiten detailliert verteidigen kann.“
John Hudak von der renommierten Onlineplattform huffingtonpost.com erhob Biden gar zum Helden der Mittelklasse. „Heute Abend hat Obama einen Champion benötigt ... und Joe hat geliefert“, schrieb er. „Er holte hart gegen Ryan aus (mit etwas zu viel Grinsen).“
„Bidens Lächeln außer Kontrolle“
„Ich bin mir nicht sicher, ob die Debatten-Kameras auf Bidens Zähne vorbereitet waren. Das schaut man sich besser mit einer Sonnenbrille an“, schrieb indes der Korrespondent des Time-Magazins, Michael Scherer. Analysten des Kurznachrichtendienstes Twitter ermittelten, dass das Wort „laughing“ (lachend) mit am häufigsten in den Beiträgen über die Debatte der Bewerber für das Amt des Vize-Präsidenten erwähnt wurde.
Das Internet-Magazin Politico widmete Bidens Mimik noch in der Nacht eine umfangreiche Story unter dem Titel „Twitter runzelt die Stirn über Bidens Lachen“. „Bidens Lächeln ist außer Kontrolle geraten“, stellte der Kommentator des Senders NBC, David Gregory, fest.
Umfragen ohne echte Aussage
Eine Umfrage unter den huffingtonpost.com-Usern zeigt Biden als klaren Sieger der Debatte. Fast 45 Prozent votierten für den Demokraten, 37 Prozent sahen Ryan stärker. 18 Prozent können sich nicht entscheiden. Eine landesweite CNN-Umfrage zeichnet jedoch ein anderes Bild. Hier liegt Ryan mit 48 Prozent vor Biden (44 Prozent).
Die Frage ist, wie groß die Auswirkungen des Vizeduells auf die Wahlumfragen sein werden. Analysten erwarten keine starken Veränderungen. Momentan liegt Romney laut der Plattform realclearpolitics.com leicht vor Obama. Der Präsident muss bei den Duellen am 16. und 22. Oktober also alles daran setzen, das Ruder noch herumzureißen. Dabei sollte er sich bei seinem Vize Joe Biden zumindest eine kleine Scheibe Angriffslust abschneiden. (siha)
aktualisiert: Fr, 12.10.2012 14:19

