Wie die Stimme der Revolution ihren Weg in die Welt fand
Von Christian Jentsch
Kairo – Im Vorjahr wurde in Ägypten Geschichte geschrieben. Ausgehend von Tunesien, entzündete sich in Ägypten eine Revolution, welche als Flächenbrand die gesamte arabische Welt erfassen sollte. Am 25. Jänner 2011 gingen in Ägypten erstmals Zehntausende Menschen auf die Straße, um gegen die Langzeitherrschaft und den brutalen Polizeistaat von Präsident Hosni Mubarak zu protestieren. Auf dem Tahrir-Platz (Platz der Befreiung) im Herzen Kairos pochte der Pulsschlag der Revolution, hier wurde der Arabische Frühling zum Leben erweckt. Und als am 11. Februar 2011 Mubarak dem Druck der Straße nicht mehr standhalten konnte und vom Thron gestoßen wurde, schien der Bann endgültig gebrochen.
Heute ist der Freudentaumel freilich längst Geschichte und die zarten Blüten des Arabischen Frühlings drohen den Winter der Konterrevolution nicht zu überstehen. Die Aufbruchsstimmung ist vielerorts dem Frust gewichen.
Anhänger des neuen Präsidenten Mohammed Mursi, dessen politische Heimat die Muslimbruderschaft ist, und Vertreter von Parteien aus dem linken und liberalen Spektrum, einst als Helden der Revolution gefeiert, liefern sich blutige Straßenschlachten und Vertreter des alten Regimes ziehen im Hintergrund noch immer die Fäden. Und die Generäle sind nicht bereit, in die zweite Reihe zu treten.
Und trotzdem: Die Revolution in Ägypten hat die Säulen der etablierten Ordnung in der arabischen Welt gehörig ins Wanken gebracht. Und der vorher stummen Masse eine Stimme verliehen. Eine Stimme, die auch über neue Medien im Internet ihren Weg in die Welt fand. Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter schickten sich an, Geschichte zu schreiben. Auch wenn das vor allem im Westen verbreitete Bild der so genannten „Facebook-Revolution“ von vielen Kritikern als Mythos enttarnt wurde, so spielte das Internet bei der Mobilisierung der jugendlichen Demonstranten in Ägypten doch eine wichtige Rolle. Für den Politologen Florian Kohstall, Leiter des Verbindungsbüros der Freien Universität Berlin in Kairo, haben die sozialen Netzwerke vor allem bei der Mobilisierung der Demonstranten einen wichtigen Beitrag geleistet. „Die Generation Mubarak, die bis dahin nie einen anderen Präsidenten erlebt hat, fand eine Plattform für ihren Protest, für ihre Frustration“, erklärt Kohstall im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung.
Soziale Netzwerke wie Facebook dienten als Katalysator für eine Bewegung, in der sich der Protest – gespeist aus hoher Jugendarbeitslosigkeit und politischer Unterdrückung – seinen Weg bahnte. Das Regime versuchte noch den Stecker zu ziehen. Vergeblich. „Es scheiterte auch an seiner Arroganz“, so Kohstall.
Besonders die „Jugendbewegung des 6. April“ sieht sich laut Kohstall als Grundstock und Initiator der Revolution in Ägypten. Sie hatte bereits 2008 über Facebook zu Demonstrationen aufgerufen. Die Aktivisten unterstützten einen geplanten Streik von Textilarbeitern und riefen über Facebook zu einem Generalstreik auf. In kürzester Zeit gewann man Zehntausende Anhänger. Und obwohl sich den Protesten der Textilarbeiter in einer Stadt im Nildelta im April 2008 landesweit nur wenige Menschen anschlossen, wurde ein Stein ins Rollen gebracht. Vor allem nachdem die Aktivisten der Bewegung von Sicherheitskräften verhaftet und gefoltert wurden.
„Die Jugendbewegung des 6. April ist Sammelbecken unterschiedlichster politischer Gruppierungen. Das Spektrum reicht von Muslimbrüdern bis hin zu Aktivisten am linken Rand“, so Kohstall. Gemein ist laut Kohstall allen Jugendbewegungen das Misstrauen gegenüber der herkömmlichen Parteipolitik. „Keine Partei wird als Partei der Jugend wahrgenommen“, weiß der Politologe.
Mittlerweile ist es rund um die einstigen Helden der Revolution still geworden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt und sind frustriert über die Zusammensetzung der verfassungsgebenden Versammlung.
Doch eines ist für Florian Kohstall auch klar: „Ägyptens neuer Präsident Mohammed Mursi kann sich den Anliegen der so genannten Revolutionsjugend nicht entziehen. Sonst könnte sie wieder auf die Straße gehen.“


