Ohne Grenzen, mit Gewissen
Powder im Kino
Österreich-Premiere. Am Dienstag, den 4. Dezember, wird der neue Warren-Miller-Film „Flow State“ zum ersten Mal in Österreich gezeigt. Um 20 Uhr im Innsbrucker Metropol-Kino geht‘s los. Von den Fahrern sind Mitch Tölderer, Simon Abt und Johanna Obermoser mit dabei.
Kultfilme. Für den zweistündigen Film „Flow State“ sind einige der besten Freerider der Welt in 15 verschiedene Wintersportorte gereist. Der Schweizer Sascha Schmid hat zum Beispiel viele Szenen im Skiort seiner Kindheit, in Mürren, gedreht. „Flow State“ ist bereits der 63. Film, den der US-Amerikaner Warren Miller produziert. Der Kult-Filmer aus Kalifornien hat schon 1950 seine erste Produktion veröffentlicht. Inzwischen erscheint pro Jahr ein Film.
Tickets. Im Vorverkauf kosten die Karten 12 €, an der Abendkasse 14 €. Weitere Infos im Internet unter www.warren-miller.eu.
Von Matthias Christler
Tux – Bei ihren Sprüngen über Felsen und den Schwüngen im Tiefschnee schwingt in jeder Bewegung dieses Lebensgefühl mit – eh schon wissen: Wir sind cool, unangepasst und am liebsten riskant unterwegs. Im „Powder“ gibt es schließlich keine Grenzen. Die Freerider, egal ob auf dem Snowboard oder mit den Skiern, senden diese Botschaft mit Hilfe ihrer Filme, die derzeit im Wochenrhythmus in Innsbruck Premiere feiern, an junge Nachwuchsfahrer. Ihr Credo: Fahrt raus und habt Spaß. Ein Aspekt fehlt dabei: Gebrauche auch deinen Verstand. Denn die im Film sind schließlich Profis und bei ihnen sieht alles nur so einfach aus, weil sie jahrelang dafür trainiert haben.
Der 39-jährige Schweizer Sascha Schmid fährt seit 15 Jahren professionell über den Pistenrand hinaus. Vor wenigen Wochen, als das ganze Inntal von einer Nebeldecke eingehüllt war, stand er für Fotoaufnahmen und um den neuen Film „Flow State“ zu bewerben am Hintertuxer Gletscher. Er kann aus diesen Bergen lesen wie aus einem offenen Buch: „Weil ich mir schon am Vorabend genau Gedanken mache, Karten anschaue und auch Locals frage, wie sie die Situation einschätzen. Am Morgen dann, wenn ich den Berg vor mir habe, entscheide ich erst, ob ich wirklich eine Tour mache oder in den Tiefschneehang einfahre“, erklärt der Kästle-Teamfahrer. Die Einschätzung der Verhältnisse sei enorm wichtig, aber fast noch entscheidender sei die Selbsteinschätzung. „Ich persönlich komme nicht mehr in Versuchung, in einen Hang zu verfahren, wenn ich mir nicht 100-prozentig sicher bin.“
Auch dank Sportlern wie ihm ändert sich die Botschaft an die Jungen langsam: Fahrt raus, habt Spaß, aber denkt davor nach. Und, obwohl keiner am Berg so sicher am Ski stand wie er, setzte er sich seinen Helm auf. „Ganz ehrlich, an so einem Tag würde ich keinen Helm aufsetzen, aber ich bin mir meiner Verantwortung und der Vorbildfunktion bewusst“, sagt er. In seiner Heimat Thun betreibt er seinen eigenen Freeski-Shop; dadurch kann er die Probleme von jungen Fahrern, die einen Film sehen und die Stunts nachspringen oder Schwünge im knietiefen Schnee nachziehen wollen, durchaus verstehen. „Viele kommen in das Geschäft und brauchen natürlich als erstes einen fetten Ski. Die haben dann gar kein Budget mehr für ein LVS (Anm. Lawinenverschüttetensuchgerät)“, sagt der Profi. Diese Generation schaue die Videos an, fahre dann am Anfang ein bisschen neben der Piste und dann werde es immer mehr und mehr. Der Schweizer nimmt dabei seine eigene Szene in die Pflicht: „In vielen Backcountry-Videos sieht man keinen einzigen Lawinen-Rucksack und manche fahren immer noch ohne Helme“, kritisiert er.
2011 hatte der Film „The Art of Flight“ die Szene in Aufregung versetzt. Noch nie war ein Film so aufwändig und mit solch einer finanzieller Unterstützung namhafter Sponsoren gedreht worden – cool sah er aus. Nur bei einem wurde gespart: Kaum ein Fahrer hatte in den entlegensten Gebieten einen Rucksack mit dabei.
Schmid hat eine klare Regel: „Wenn zu mir ein Sponsor oder Produzent sagen würde, ich soll ohne fahren, würde ich abbrechen.“ Er hatte selbst einmal einen Lawinenabgang dank eines Airbags überstanden. In Film „Flow State“, der am kommenden Dienstag im Innsbrucker Metropol im Rahmen der Warren Miller Skifilm Tour gezeigt wird, ist er nicht ohne Helm und Rucksack zu sehen. „Freeskiing ist mehr, als cool zu sein und das größte Cliff zu springen. Ich bin nicht der Typ, der hohes Risiko eingeht“, gestand der zweifache Vater ein. Die hohen Kosten für die Sicherheitsausrüstung – egal ob für LVS, Rucksack, Sonde und Schaufel – sind ihm bewusst, aber es müsse ja nicht immer das neueste Material sein.
15 Jahre Erfahrung für fünf Minuten im Film. Ja, bei Sascha Schmid sieht jeder Schwung leicht aus und nie kommt der Verdacht auf, es könnte etwas passieren. „Wenn du so lange im Gelände bist wie ich, wirst du dir der Gefahren bewusst, dass auch mir immer etwas passieren kann.“ Ja, der Film sieht cool aus, aber zumindest unterbewusst soll immer die ganze Botschaft mitschwingen: Fahrt raus, habt Spaß, denkt nach und sichert euch gewissenhaft ab.


