„Jetzt fühle ich mich reif“
Steckbrief
Von Roman Stelzl
Lillehammer – Andreas Goldberger hat seine letzten ORF-Analysen zum Weltcup-Auftakt abgeschlossen. Nun sitzt er im kleinen Pressezentrum von Lillehammer. Der süße Duft von norwegischen Butterwaffeln liegt an diesem Sonntag in der Luft. Goldberger ist Österreichs erfolgreichster Skispringer der 90er-Jahre. Er wird heute 40 Jahre alt, sieht aber immer noch aus wie 20 – wären da nicht diese vier tiefen Falten auf seiner Stirn.
Herr Goldberger, 40 Jahre – wie hört sich das an? Haben Sie Probleme mit dem Älterwerden?
Andreas Goldberger: Damit habe ich gar kein Problem. Bei 50 wäre das anders, da denkt man sich 50, ja, das ist etwas ganz anderes. Aber 40, das ist so was wie eine Halbzeit. Ich habe deshalb keine Krise. Das einzige Problem ist mein Körper. Ich merke, dass ich abbaue, muss mich mehr plagen. Ich habe immer alles getan. An einem Tag das, an dem anderen das. Diese Belastung merkst du voll.
Was stört Sie am meisten?
Goldberger: Du brauchst mehr Zeit zum Erholen. Das ist eine Sache, die mich mehr belastet als das bloße Alter. Die Dinge sind nicht mehr so leicht wie früher. Das tut mir am meisten weh.
Wo feiern Sie denn?
Goldberger: In Tirol. In Erpfendorf, wo mein Sponsor das 50-Jahr-Jubiläum feiert.
Stillhalten können Sie immer noch nicht, oder?
Goldberger: Nein, wenn ich zwei Tage nichts zum Tun habe, dann gehe ich an die Decke. Vor allem das mit dem Talente-Cup taugt mir sehr. Ich habe ein großes Ziel – obwohl ich meine Ziele ungern an die große Glocke hänge: Es wäre schön, wenn in 15 oder 20 Jahren ein Sieger bei der Tournee auftaucht. Und der erzählt, dass er beim Goldi-Cup in Wörgl angefangen hat. Das würde mir sehr taugen.
Sie haben ja selbst auch klein anfangen müssen.
Goldberger: Ja, als ich damals in Stams in Tirol ins Skigymnasium gegangen bin, hab‘ ich den Eltern 500 Schilling abgebettelt. Die Zugfahrt hin und retour hat 320 Schilling gekostet, dann blieben mir 180 für sieben Wochen. Da lernst du sparen und dass es auch mit wenig gehen kann.
Wie groß war dann der erste Scheck?
Goldberger: Mein erstes Preisgeld waren 2000 Schilling beim Eröffnungsspringen in Stams. Da hatte ich endlich mal was verdient. Ich wollte mir einen Opel Kadett kaufen und unbedingt den Führerschein machen. Dafür hat es aber nicht gereicht.
War das nicht ein harter Wechsel – vom armen Schüler zum reichen Sportler?
Goldberger: Mein Trainer Edi Federer hat gut auf mich aufgepasst. Aber als ich 1997 ein Haus am Mondsee hatte, da sagte ich mir: Mehr brauchst ja nicht mehr im Leben. Das ist das, wo du dein Leben lang hinarbeitest. Und das habe ich alles in fünf Jahren erreicht.
Am Freitagabend wurden Sie von einem betrunkenen norwegischen Fan in der Hotelbar wegen Ihrer Kokainaffäre 1996 angepöbelt. Sie wirkten niedergeschlagen.
Goldberger: Es bringt einen schon zum Nachdenken. Aber ich habe diesen Fehler nur einmal gemacht, stehe heute wie damals dazu. Und ich habe etwas ganz Wichtiges daraus gelernt: Durch einen einzigen Blödsinn kannst du dir dein ganzes Leben versauen, wenn du keine Freunde hast, die sich um dich kümmern. Viele hauen es dir rein, was du für einen Blödsinn gemacht hast. Alles, was vorher gut war, war plötzlich schlecht. Du verlierst dein Selbstvertrauen, das musst du erst wiedergewinnen.
In Japan haben Sie deswegen ja immer noch Einreiseverbot.
Goldberger: Das stimmt. Ich musste sogar eine Nacht am Flughafen verbringen, als ich 2007 zur WM flog.
Zum Schluss – welcher Goldberger soll in zehn Jahren, mit 50, hier sitzen?
Goldberger: In zehn Jahren will ich verheiratet sein, Kinder haben. Familie ist der nächste Schritt. Jetzt fühle ich mich reif dafür. Ich habe seit sieben Jahren eine Freundin, nächstes Jahr wollen wir heiraten. Dann kannst du nicht mehr kommen und gehen, wann du willst. Dann hast du diese Freiheiten nicht mehr.


