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Gewalt gegen Frauen

Kontrolle, Druck und Schläge: jede zweite Frau betroffen

Frauen werden in Österreich erschreckend oft Opfer von Unterdrückung, die in Extremfällen in offene Gewalt ausartet. Frauenministerin Heinisch-Hosek sieht dringenden Handlungsbedarf.

Wien - Auch wenn spektakuläre Einzelfälle zu Familiendramen – wie in den vergangenen Wochen – manchmal einen gegenteiligen Eindruck vermitteln: Gewalt gegen Frauen ist keineswegs ein Randthema. Von „alles in allem sehr erschreckenden, sehr alarmierenden Zahlen“, berichtete am Mittwoch Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (S), als sie die Erkenntnisse des aktuellen österreichischen Frauenbarometers, im Rahmen einer Pressekonferenz präsentiert.

„Schockierend“ nannte die Ministerin die Daten zum Thema „Gewalt gegen Frauen“. Nicht nur steigt die Zahl der Hilfe-Suchenden bei Opferschutzeinrichtungen, das Thema betrifft auf die eine oder andere Weise eine Mehrheit der heimischen Bevölkerung – entweder ganz persönlich oder im näheren Umfeld.

Nicht jedem ist diese Tatsache überhaupt bewusst: So verwies Studienautorin und Meinungsforscherin Christina Matzka auf die subtileren Methoden jenseits von Schlägen: Kontrolle, die Einschränkung der persönlichen Freiheit, aber auch der Einsatz von Ressourcen als Druckmittel.

Häusliche Gewalt „ausgesprochen verbreitet“

Drei Viertel aller interviewten Österreicher meinen, dass häusliche Gewalt gegen Frauen hierzulande ausgesprochen verbreitet ist. Bei den weiblichen Befragten liegt diese Zahl bei 81 Prozent. Frauen reden mit ihren Geschlechtsgenossinnen offenbar auch weit öfters über diese Problematik – vor allem, wenn sie selbst Opfer werden. Fast die Hälfte (47 Prozent) kennt eine Betroffene persönlich. Grundsätzlich verfügt jeder Zweite (51 Prozent) über persönliche Erfahrung mit Gewalt und Aggression.

Grundsätzlich ist bei dieser Thematik in den meisten Punkten ein deutlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern festzustellen. Sowohl was die Wahrnehmung, als auch was die individuellen Erlebnisse betrifft, sind Männer meist weniger involviert.

Gewalt gegen Frauen ist „keine Privatsache“ mehr

Positiv gesehen werden kann der Fakt, dass Gewalt gegen Frauen keine Privatsache mehr ist. Nur jeder Zehnte gab an, dass dies niemanden etwas angehe - mehr als drei Viertel (77 Prozent) hingegen negieren diese Ansicht strikt. Außerdem lehnt eine breite Mehrheit (90 Prozent) „grundsätzlich jede Gewalt“ ab.

Zum aktuelles Thema „Po-Grabschen“ widersprach die Ministerin vehement einer verharmlosenden Ansicht und stellte klar: „Das ist sexuelle Belästigung“. Und die hat laut Frauenbarometer jeder dritte Österreicherin bereits am eigenen Leib erfahren. Die viel-diskutierte Aufklärungsbroschüre nannte sie „eine exzellente Arbeitsgrundlage“ und lehnt Änderungen ab.

Im Bereich der Prävention gebe es noch viel zu tun, betonte Judith Schwentner, Frauensprecherin der Grünen in einer ersten Reaktion. Sie forderte einen Nationalen Aktionsplan gegen Gewalt an Frauen. Hilfsangebote im Gesundheitswesen sollten über Bundesländergrenzen hinweg eng koordiniert und vernetzt werden.

Schutz vor Gewalt keine Kostenfrage

Der Schutz vor Gewalt dürfe keine Kostenfrage sein. Auch das Anti-Gewalttraining mit Männern spiele eine wichtige Rolle zur Prävention. Im Anlassfall müsse Frauen ein sicherer Zufluchtsort garantiert werden: „Ob im entscheidenden Moment ein Platz im Frauenhaus frei ist, kann zur Überlebensfrage werden“, betonte Schwentner.

„Gewalt an Frauen kann man am ehesten präventiv vermeiden, indem Frauen zukünftig noch unabhängiger sowie eigenständiger werden, um damit eine stärkere Rolle in der Gesellschaft einnehmen zu können.“ Das sagte BZÖ-Frauensprecherin Martina Schenk zu den Ergebnissen der Studie. Das BZÖ verlange mehr Budgetmittel für Selbstverteidigungskurse. Diese „sollten bereits in der Schule angeboten werden, denn Frauen sollten schon sehr früh psychisch und physisch gestärkt werden“, so Schenk.

Da Frauen nach wie vor weniger als Männer verdienen würden, seien sie „verstärkt armutsgefährdet und bleiben trotz gewalttätigen Auseinandersetzungen im finanziellen Abhängigkeitsverhältnis.“

An der vierteljährlichen repräsentativen Online-Umfrage zur Gleichstellung in Österreich und aktuellen Frauenthemen nehmen 1.145 Teilnehmer beiderlei Geschlechts teil. Durchgeführt wird die Studie vom Marktforschungsunternehmen meinungsraum.at. (tt.com, APA)

Einen Leitartikel zu diesem Thema finden Sie in der Donnerstagsausgabe der Tiroler Tageszeitung.