Archiv

Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 12.12.2012

Bildungsstandards

Die schlechtesten Schulen kennt bald jeder

Nach den Bildungstests wird in den Bundeslän- dern heftig über das Ranking diskutiert. Dass nun auch Hitlisten mit den Ergebissen der einzelnen Schulen auftauchen, ist nur eine Frage der Zeit.

drucken

Von Brigitte Warenski

und Sabine Strobl

Innsbruck, Rum, Sölden, Schwaz, Imst, Wien – In Tirol war die Jubelstimmung über den dritten Platz im Bundesländervergleich bei den Bildungsstandards-Testungen groß. Obwohl das Unterrichtsministerium sich absolutes Stillschweigen über die Schulergebnisse im Einzelnen erbeten hat, preschen bereits die ersten „Gewinner“ vor.

Auf den Homepages diverser Tiroler Schulen (wie dem Akademischen Gymnasium Innsbruck) werden zwar keine genauen Punkte bekannt gegeben, man teilt aber gern mit, dass man über dem Tirol-Durchschnitt liegt. Dass es daher nur eine Frage der Zeit ist, bis alle Schulen mit den „Bestnoten“ aktiv für sich werben und die schlechten an den Pranger gestellt werden, sind sich Tirols Direktoren einig. „In den Ballungsräumen, wo die Konkurrenz zwischen den Schulen sehr groß ist, wird das sicher nicht aufzuhalten sein“, glaubt Gerlinde Christandl, Direktorin des BG/BRG in Kufstein, die sich mit ihrem Ergebnis „sehr zufrieden“ zeigt. Christandl lehnt es prinzipiell nicht ab, mit Tests Schulen vergleichbar zu machen. „Mir ist eine offene Konkurrenz lieber als die derzeitige, wo Eltern untereinander natürlich reden, was sie für eine gute oder schlechte Schule halten. So ein Konkurrenzsystem, wie es z.B. die Schweden haben, muss aber wachsen, damit man weiß, wie man damit vernünftig umgeht.“ Gerd Jenewein, Direktor der Hauptschule Rum („Ich bin zufrieden, aber wir müssen das Ergebnis erst gemeinsam analysieren.“) kann sich vorstellen, dass die Punkte bald öffentlich werden, hält aber „ein Ranking für vollkommen falsch. Wie wir am Beispiel von Japan und Korea sehen, nehmen Rankings Formen an, die unmenschlich sind.“ Den Bildungsstandards-Testungen an und für sich kann Jenewein nichts abgewinnen: „Es müsste die finanzielle Ausstattung der Schule mit berücksichtigt werden. Zudem müsste man auch Kompetenzen im künstlerischen oder musikalischen Bereich abfragen und drittens glaube ich sowieso, dass Bildung bei uns vom sozialen Status abhängig ist.“ Kritisch sieht auch der deutsche Bildungsexperte Gerald Hüther, der in Österreich die Initiative Schule im Aufbruch vertritt, die Testungen. „Sie machen uns alle noch verrückt. Die Erwartungshaltung ist enorm.“ Wenn der Fokus nur auf Lesen und Rechnen liege, zerstöre man noch die Freude am Lernen, ist er überzeugt.

Den Standardtests positiv gegenüber steht die Neue Mittelschule Imst mit Schwerpunkt Sport. „Sie sind eine Möglichkeit für Schule und Lehrer, Bereiche zu verbessern“, sagt der stellvertretende Direktor Reinhard Holaus. Einer direkten Veröffentlichung begegnet er reserviert. Natürlich ist man sich des tirolweiten besseren Abschneidens der Gymnasien bewusst. Viele Hauptschulen haben aber schon länger mit Schwerpunktsetzung reagiert. Eltern nehmen ein solches Angebot gerne an, erklärt Holaus. Nicht zu übersehen sei aber die schwierige Situation von Kindern und Eltern, die weite Schulwege in Kauf nehmen müssen. Menschen, die in der Nähe von Ballungszentren leben, könnten diesbezüglich freier agieren.

„Im Grunde bin ich zufrieden. Ich kenne ja meine Schüler“, schmunzelt der Söldener Hauptschuldirektor Erhard Schöpf. Ein öffentliches Ranking findet er aber gefährlich. Die Tiroler Hauptschulen mögen enttäuscht sein, weil der Abstand zu den Gymnasien groß sei. Es tröste aber, dass die erste Leistungsgruppe der Hauptschulen mithalten kann. In Gymnasien erreichten ja 78 Prozent der Schüler den gefragten Standard, in den Haupt- und Mittelschulen 49 Prozent. Aus den anonymisierten Tests lässt sich laut Schöpf einiges herauslesen. „Ich sehe etwa, ob Knaben oder Mädchen am Werk waren.“ Eine Auswirkung dieser Tests steht für Schöpf fest. Man wird sich mehr nach der Fragestellung richten und die Kinder auch auf Multiple-Choice-Verfahren in Mathematik vorbereiten.

Josef Galley, Sprecher von Unterrichtsministerin Claudia Schmied, hofft, dass die Eltern, die mit den Lehrern in den Schulforen und Schulgemeinschaftsausschüssen sitzen und die Schulergebnisse zu Gesicht bekommen, „so vernünftig sind, sie nicht nach außen zu tragen“. Zudem habe man alle 1400 Schulstandorte angeschrieben und klargemacht, dass die Bildungstests „kein Marketinginstrument“ sein dürfen. „Outing und Bashing von schlechten Ergebnissen hat verheerende Folgen, wie sich bereits vor 20 Jahren im angelsächsischen Raum gezeigt hat“, sagt Galley. Schulen, die dennoch den Weg nach außen gehen, kann das Ministerium aber nicht aufhalten: „Natürlich können wir niemanden dafür strafen.“

drucken