Autokrise in Europa verschärft sich
Brüssel, Berlin – „Peak Car“ – das klingt ein bisschen nach Pik Bube, ist aber kein Trumpf aus dem Skatblatt für Autobauer. Im Gegenteil: Die Branche fühlt sich bei dem Begriff wohl eher an den Schwarzen Peter erinnert. Denn er beschreibt den Moment, ab dem der Hunger nach immer mehr Autos gestillt ist. Die Menschen setzen sich seltener hinters Steuer – und wo weniger Auto gefahren wird, werden auch weniger Neuwagen verkauft. Viele Industrieländer haben diesen Punkt aus Sicht von Ökonomen schon erreicht, womöglich ganz Europa.
Zumindest sanken die Neuzulassungen in der EU im November den 14. Monat in Serie, wie der europäische Branchenverband ACEA am Freitag mitteilte. Das dürfte zwar zum Großteil auf das Konto der flauen Konjunktur gehen, ist aber auch ein Vorbote gesellschaftlicher Veränderungen, die die Autoindustrie treffen.
Denn junge Leute und damit potenzielle Neukunden werden rar. Mehr Menschen leben in Städten, brauchen dank Bus und Bahn seltener den eigenen Wagen – und sparen sich lieber das lästige Parkplatzsuchen. Gerade für junge Stadtmenschen verliert das Auto an Bedeutung. Und weil Neuwagen dank steigender Qualität immer länger gefahren werden, wird der nächste Autokauf zusätzlich auf die lange Bank geschoben.
Und so zeichnet die US-Investmentbank Morgan Stanley in einer Studie ein düsteres Bild vom europäischen Automarkt. Die Analysten vermuten, dass der „Peak Car“ schon erreicht ist und die Nachfrage bis Ende des Jahrzehnts unter dem Ersatzbedarf liegen könnte. Das heißt: Im Schnitt würden weniger Neuwagen gekauft als alte Autos ausrangiert. Wachstum? Fehlanzeige.
So droht denn auch 2012 für Europa das schlechteste Autojahr seit 19 Jahren zu werden. Die Zahl der Neuzulassungen in den heutigen 27 EU-Staaten ist von Jänner bis November auf den niedrigsten Stand seit 1993 gefallen. Sie sank laut ACEA auf 11,26 Millionen Autos, 7,6 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.
Freilich: Die Kasse klingelt vor allem für die deutschen Hersteller weiterhin kräftig, weil sie in China und den USA viele Käufer finden. So blieb der größte Autobauer des Kontinents, Volkswagen, bis Ende November auf Rekordkurs. Für die drei deutschen Nobelmarken BMW, Audi und Daimler wird 2012 das beste Jahr ihrer Geschichte werden. So viele Autos wie in diesem Jahr verkauften die Rivalen bisher nicht. Die Autokrise in Europa spüren die Hersteller zwar, wirklich bremsen kann sie sie aber nicht.
In der Europäischen Union sank die Zahl der Pkw-Neuzulassungen im November den 14. Monat in Folge – mit 926.486 Fahrzeugen waren es 10,3 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Drastisch waren die Rückgänge in Südeuropa. So wurden in Spanien oder Italien im November gut ein Fünftel weniger Autos neu zugelassen als im Vorjahresmonat, auch in Frankreich gab es ein Minus von mehr als 19 Prozent. Eine Ausnahme bildete Großbritannien, wo die Zulassungen um 11,3 Prozent stiegen.
Hingegen hält der Boom in den USA an. In den Vereinigten Staaten wurden im November 1,14 Millionen Fahrzeuge abgesetzt, 15 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Die deutschen Hersteller profitierten in Amerika besonders, konstatierte der Verband der Automobilindustrie (VDA) in Berlin.
Auch in China hält der Durst auf die eigenen vier Räder an: Laut VDA wurden im November rund 1,3 Millionen Neufahrzeuge verkauft, knapp 12 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. In den ersten elf Monaten 2012 stieg der Pkw-Absatz um fast 9 Prozent auf 12 Millionen Einheiten. Der chinesische Markt sei damit größer als der westeuropäische, bemerkte der VDA.
In Österreich wurden im November laut Statistik Austria 29.026 Autos neu zum Verkehr zugelassen, um ein Fünftel weniger als im November des Vorjahres und um mehr als 10 Prozent weniger als im Oktober 2012. Mercedes, BMW und Hyundai legten zu, während Opel, Skoda, Audi oder auch Renault und VW, Ford und Seat Rückgänge verzeichneten. (TT, dpa, APA)


