Archiv

Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 25.04.2013

Google Glass

Eine neue Sicht auf die Welt

Google hat die ersten Datenbrillen an Softwareentwickler ausgeliefert. Diese können nun damit beginnen, Anwendungen dafür zu programmieren. In einem Jahr startet die Brille für alle.

Von Georg Holzer

Mountain View – Vor knapp einem Jahr wurde sie vorgestellt. Stuntmen sprangen mit einer Datenbrille aus einem Flugzeug, ließen den Fallschirm hinter sich und radelten mit Mountainbikes ins Konferenzzentrum, wo staunende Softwareentwickler auf die jüngste Neuheit von Google warteten. Von all dem gab es eine Live-Übertragung aus der Sicht der Akrobaten. So spektakulär die Präsentation von „Google Glass“ war, so umstritten ist sie. Andererseits zeigt sie auch die unglaublichen Möglichkeiten auf. „The sky is the limit“, sagen die Amerikaner gerne.

Sobald erste Träger von Googles Datenbrille „Glass“ auftauchen werden, ist der Albtraum vieler Datenschützer perfekt. Doch abseits der Furcht vor tragbaren Kameras zeichnet sich ein gravierender Wandel ab. Tragbarer Elektronik in Form von Uhren oder eben Brillen wird eine große Zukunft vorhergesagt, weil sie vieles möglich machen könnten, wovon wir heute nicht einmal träumen.

Der Preis von aktuell 1500 Dollar sollte bis zum Erscheinen 2014 auf womöglich unter 500 Dollar sinken. Weil die meiste Rechenleistung am Handy oder in der Cloud stattfindet, sind etwa keine starke Prozessoren nötig.

Man kann sich die Brille als Benachrichtigungsgerät für das Smartphone vorstellen. Sie hält sich – auch um den Akku zu schonen – dezent im Hintergrund und drängt sich nur dann auf, wenn Ereignisse im Kalender bevorstehen, eine SMS ankommt, es Navigationshinweise gibt, der Check-in am Flughafen ansteht oder die Lieblingssportmannschaft gewinnt.

Daneben kann man Fotos und Videos aufnehmen oder der Brille eine SMS diktieren. Die Brille gehorcht auf „O. K. Glass“ und einen nachfolgenden Befehl. Beispiel: „O. K. Glass! Take a picture!“ Das Gegenüber wird somit immer bemerken, ob fotografiert oder gefilmt wird. Zudem sieht man stets, ob die Brille gerade aktiv ist.

Daran, dass einige mit ihren Brillen reden werden – daran wird man sich im öffentlichen Raum wohl ähnlich gewöhnen (müssen) wie an Handys in den 1990ern.

Das wahre Potenzial verbirgt sich aber nicht in der Brille selbst, sondern in Software-Anwendungen, die nun dafür geschrieben werden. Google bietet dafür einen Software-Baukasten an. Vielleicht mutiert die Brille zum Teleprompter, der uns Stichwörter für Reden und Vorträge liefert. An einer „Glass“-Erweiterung für den Notizzetteldienst Evernote wird bereits gearbeitet. Eines wird es sicher nicht geben: Gesichtserkennung. Die ist zwar technisch kein Problem, Google hat davor aber zu Recht Angst.

Funktionieren wird „Glass“ mittels der MyGlass-App (vorerst nur für Android verfügbar) im Teamwork mit jedem Smartphone, das über Bluetooth verfügt – also auch iPhones. Die nötigen Einstellungen nimmt man auf einer speziellen Website vor.