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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 20.06.2013

TT-Interview

„Österreich hat die UNO geschwächt“

Der Botschafter Israels in Österreich, Aviv Shir-On, übt im TT-Interview scharfe Kritik am plötzlichen Abzug vom Golan. Er sieht die Verlässlichkeit von künftigen UNO-Missionen in Frage gestellt.

Herr Botschafter, was sagen Sie zum Abzug der österreichischen Blauhelme von den Golanhöhen?

Aviv Shir-On: Die österreichische Regierung hat das Recht, diese Entscheidung zu treffen. Wir haben aber ein Problem mit der Art und Weise und mit der Begründung. Als Israelis leben wir seit eh und je mit der Situation im Nahen Osten. Und wir sehen es als problematisch an, wenn jemand „Auf Wiedersehen“ sagt, wenn es etwas gefährlicher wird. Denn wir können nicht aufstehen und gehen, sondern müssen um unser Überleben kämpfen.

Übrigens glauben wir, dass die Gefahr noch gar nicht so akut geworden ist. Die Lage innerhalb Syriens hat sich durch den Bürgerkrieg verschlechtert, und die Kämpfe sind nahe an die Grenzlinie gekommen. Aber die UNO-Soldaten wurden stationiert, um den Waffenstillstand zwischen Israel und Syrien zu überwachen. Und zwischen den beiden Staaten ist es relativ ruhig geblieben.

Hat Österreich mit dem abrupten Abzug die Missionen der UNO geschwächt?

Shir-On: Ich glaube schon. Wir hatten schon schlimme Erfahrungen mit UNO-Truppen, die gerade dann die Region verlassen mussten, als sie noch notwendiger gewesen wären. Das war 1967. Drei Wochen später gab es den Sechs-Tage-Krieg.

Dass Österreich die UNO vor vollendete Tatsachen gestellt hat, ist ein schlechtes Zeichen. Künftige Konfliktparteien werden vielleicht sagen, dass auf die UNO-Truppe kein Verlass ist.

Zuletzt war auch die Rede davon, dass die UNO ihre Mission am Golan mit einem robusteren Mandat stärken hätte sollen...

Shir-On: Richtig. Als Israeli, der 1973 am Golan gekämpft hat, glaube ich, dass dieses Mandat nicht einfach ist. Und in einer Region wie dem Nahen Osten verändert sich die Lage ständig. Deshalb hätte die UNO vielleicht von sich aus das Mandat verändern sollen. Aber wenn Österreich meint, dass etwas getan werden sollte, dann hätte man zur UNO gehen und eine Diskussion über das Mandat eröffnen müssen.

Fühlen Sie sich von Österreich im Stich gelassen?

Shir-On: Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass man alleingelassen wurde. Wir haben mit diesem Konflikt zu leben und wir müssen um unsere Existenz und Sicherheit ringen. Wir wissen, dass 400 österreichische Soldaten keinen Krieg verhindern können. Aber wenn eine UNO-Truppe dort stationiert ist, dann ist das ein Zeichen, dass sich die internationale Gemeinschaft engagiert.

Gerade als neutrales Land hat Österreich ein höheres Ansehen genossen als andere. Die Neutralität, die es Ländern ermöglicht, viele Jahre in Frieden zu leben, war für uns immer ein Ideal. Man hofft, selbst einmal in dieser Lage zu sein. Deshalb waren wir enttäuscht von der Art und Weise, wie der Abzug vom Golan entschieden wurde.

Österreich ist nicht nur neutral, sondern es hat aufgrund der Geschichte auch eine brisante Sonderbeziehung mit Israel. Kann diese Beziehung jetzt Schaden nehmen?

Shir-On: Ich hoffe nicht, dass das passiert. Aber wir glauben, dass das historische Bewusstsein und die Verantwortung der Österreicher eine größere Rolle spielen sollten, wenn es um den jüdischen Staat geht. Dieser Staat wurde nach 2000 Jahren Exil und dem schlimmsten Völkermord in der modernen Geschichte gegründet. Nur fünf Stunden nach seiner Ausrufung erlebte er Krieg mit allen Nachbarstaaten – bis zum heutigen Tag. In dieser Situation würde ich erwarten, dass Österreich sich anders verhält. Aber das ist nur meine persönliche Erwartung, das muss nicht unbedingt so sein.

Jetzt, wo der Abzug nun einmal beschlossen wurde, wie soll es weitergehen?

Shir-On: Wenn auch Österreich versteht, dass Ersatz gefunden werden muss, dann soll dieser Abzug so lange wie möglich dauern. Das ist eine logistische Überlegung, damit die UNO Ersatz finden kann. Wir sind uns alle einig, dass sich die Lage vor Ort verschlechtert hat. Gerade in einer solchen Situation darf kein Vakuum entstehen.

Das Gespräch führten Peter Nindler und Floo Weißmann