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Salzburger Festpiele

„Jedermann“: Neuinszenierung mit vielen Tränen gefeiert

Jubel für den neuen Salzburger „Jedermann“ und Erleichterung bei den Schauspielern nach der gelungenen Premiere.

Von Christiane Fasching

Salzburg - Beim „Jedermann“ geht die Show schon los, bevor das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ überhaupt beginnt. Das war schon immer so und hat sich auch mit der Neuinszenierung des britisch-amerikanischen Regie-Duos Julian Crouch und Brian Mertes nicht geändert. Samstag um kurz vor 20 Uhr ist der Dom­platz noch Sperrzone, das Herzstück der Salzburger Festspiele startet erst in einer Stunde – die ersten prominenten Premierengäste schlendern trotzdem schon durch die Mozartstadt, zum Plaisir der Zaungäste, zur stressreichen Freude der Fotografen, die das blitzlichtlastige Vorspiel gestalten. Christiane Hörbiger nimmt den Rummel gelassen, sie ist ihn gewohnt – fünf Mal gab die Grande Dame am Domplatz die Buhlschaft, dieses Mal sitzt sie als Tante des „Jedermann“ im Publikum. Und wird um kurz nach 23 Uhr sagen, wie stolz sie auf ihren Neffen Cornelius Obonya ist, der – wie einst sein Großvater Attila Hörbiger – zwischen Lebemann und Todgeweihtem pendelt, ehe er den Bühnentod stirbt, an dem das Prädikat „Unsterblichkeit“ haftet.

An Hugo von Hofmanns­thals Mysterienspiel wiederum pappt der Vorwurf der Scheinheiligkeit. Wer in seiner allerletzten Stunde Reue zeigt, dem wird die Höllenfahrt erspart – selbst wenn man zeitlebens kein Engel war. Auch in der Neuinszenierung von Crouch und Mertes – der ersten seit der von Christian Stückl aus dem Jahr 2002 – tut Jedermann kurz vor seinem prophezeiten Abgang noch Buße, muss der Teufel mit leeren Händen zurück ins Fegefeuer fahren. So steht’s bei Hofmannsthal geschrieben und daran wollte auch das durchaus reformwillige Regie-Duo nicht rütteln. Trotzdem wirkt Jedermanns Einsicht in letzter Sekunde anders als in der Stückl-Fassung – sie scheint mehr seiner menschlichen Vernunft geschuldet als seiner bigotten Angst vor dem vereinsamten Exodus.

Aber weg vom Tod, der macht nämlich nur die halbe Miete von „Jedermann“ aus: Zu Beginn wird heftigst gefeiert, ausgelassen gejohlt, frischfröhlich getänzelt. Der Domplatz erscheint als bunter Jahrmarkt, der auch ein wenig Morbidität verströmt: Denn neben grobschlächtigen Masken – entworfen von Julian Crouch – werden auch feingliedrige Skelette spazieren getragen. Himmlisch ist der Auftritt Gottes: Die zwölfjährige Florentina Rucker verkündet – in Bubengestalt – die zölestische Botschaft aus einem überdimensionalen Trichter. Weil der Jedermann in „Sünd’ ersoffen“ sei, soll ihm nun der Tod den Hof machen. Peter Lohmeyer verkörpert den ungern gesehenen Gevatter mit überzeugender Entrücktheit. Einer Gottesanbeterin gleich macht er sich stakselnd auf, seinen Auftrag zu erfüllen: der Tod als treuer Diener in weißem Gewand und Plateauschuhen, der bei Bedarf ein Tischtuch zum Leichentuch umfunktioniert.

Cornelius Obonya trägt indes Anzug – und ein weißes Nelkerl im Knopfloch. Sein Jedermann ist betont lässig, maßlos von sich selbst überzeugt, aber doch auch ein Hascherl. Zumindest der Selbstauffassung nach – man ist ja auch ziemlich arm, wenn man so reich ist. Ständig liegen einem da die Schnorrer (Fritz Egger als Schuldknecht) in den Ohren, dauernd muss man Feste feiern und sich teure Geschenke ausdenken. Ein personifiziertes Ekel ist der Jedermann übrigens nicht: Das Flehen der Frau des Schuldknechts (Katharina Stemberger) scheint ihm genauso zu Herzen zu gehen wie das Lamentieren seines armen Nachbarn (Johannes Silberschneider). Oder findet man die beiden später nur deshalb an der Festtafel, weil sie dem launigen Lebemann auf die Nerven gegangen sind? So wie’s seine Mutter tut, die ihn zur Rechtschaffenheit aufruft und ihm erklärt, „ärger noch als sterben, ist auf ewig zu verderben“. Julia Gschnitzer meistert ihr Domplatz-Debüt ohne großes Tamtam, das hat sie nicht notwendig. Wenn sie am Ende – einer alternden Braut gleich – an der Hand des kindlichen Gottes ins Nirgendwo geht, wird einem die Strahlkraft ihrer Zurückhaltung erst so richtig bewusst.

Für Brigitte Hobmeier ist Zurückhaltung wiederum ein Fremdwort. Fidel radelt sie als Buhlschaft ihrem Jedermann in die Arme, frivol lüftet sie ihr Strumpfband, frech spielt sie mit ihrem Lover „Blinde Kuh“. Ein Teufelsweib, dem man sich nicht entziehen kann, nicht entziehen will. Auch deshalb, weil diese Buhlschaft durchaus witzig ist: Jedermanns Liebesgeständnis quittiert sie mit einem Magenhaken, als er – mit Ring ausgestattet – um ihre Hand anhält, quiekt und jauchzt sie, als hätte sie einen Lottosechser gemacht. Nur als es ums Mitgehen ins Jenseits geht, verstummt die Buhlschaft – und zieht gesenkten Hauptes von dannen.

Jedermanns Gespielin ist kein Püppchen, trotzdem wird mit Puppen gespielt: Jürgen Tarrach, als Mammon in Zirkusdirektor-Aufmachung, entschlüpft einer riesigen Pappmaché-Kreatur, die in Jedermanns Schatztruhe haust. Die Guten Werke (Sarah Viktoria Frick) sind indes an einen mickrigen Marionettenkörper geschweißt – zu mehr hat Jedermanns Charakter zeitlebens nicht gereicht. Nachdem er Buße getan hat, erstarken die Haxerln der Guten Werke jedoch: Jedermann bekommt Begleitschutz. Und zwar in Richtung Himmel, daran kann auch der Teufel (ein herrlich garstiger Simon Schwarz) nichts ändern. Da mag der feuerrote Höllenbote noch so fluchen, wettern und knurren: Der Glaube (Hans Peter Hallwachs), der auf einem unerreichbar hohen Stuhl residiert, hat ihm seinen Klienten stibitzt. „Mich ekelt’s hier“, entfährt’s dem Hell Boy, der sich seiner Beute sicher war.

Einer von vielen starken Momenten einer mit gewaltigen Bildern und fesselnder Musik gespickten Inszenierung, die vom Premierenpublikum mit Standing Ovations bedacht wurde. Das Herzstück der Festspiele hat einen neuen Rhythmus – und einen bestechenden Jedermann, dem man nicht nur bei der sukzessiven Wandlung, sondern auch bei einem spannungsgeladenen Tanz zuschauen kann, der Tradition leichtfüßig und rhythmisch mit Gegenwart verquickt. Zauberhaft.