17.01.2012, 06:42  Aktualisiert: 18.01.2012, 20:07 
Costa Concordia

Kapitän Schettino: „Bin zufällig in Rettungsboot gestürzt“

Die Suche nach Passagieren im Wrack der „Costa Concordia“ wurde am Mittwoch unterbrochen. Das Schiff rutschte ab, die Gefahr war zu groß. Neues gibt es vom Kapitän. Er will unabsichtlich in ein Rettungsboot gefallen sein.
Die Suche nach Vermissten in der „Costa Concordia“ musste am Mittwoch zum Schutz der Helfer erneut unterbrochen werden.
Foto: AP
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Rom – Der Kapitän des havarierten Kreuzfahrtschiffes „Costa Concordia“, der am Dienstagabend unter Hausarrest gestellt worden ist, hat nach Angaben der italienischen Justizbehörden erste Geständnisse gemacht. Der 52-jährige Francesco Schettino gab schwere Fehler zu. Er habe sich zu sehr der Insel Giglio genähert und das Schiff sei gegen einen Felsen gefahren. Er bestritt jedoch, nach dem Unfall geflüchtet zu sein. Das Öl im Wrack gefährdete eines der bekanntesten Naturschutzgebiete im Süden Europas. Mehrere Walarten sind in diesem Raum des Thyrrenischen Meeres zu Hause.

„Ich war Opfer meiner Gedanken“

Der Kapitän, seit 2006 im Dienst der Reederei Costa Crociere, dem Betreiber der „Costa Concordia“, gab zu, dass er vor der Insel ein Manöver namens „Die Verneigung“ durchführen wollte, bei dem das Schiff mit voller Beleuchtung und Sirenen die Küstenbewohner grüßt. Damit wollte Schettino einen befreundeten Kapitän grüßen, mit dem er telefonierte. „Das Manöver war schon beim Start in Civitavecchia beschlossen worden, doch ich habe einen Fehler gemacht. Ich kenne die Strecke gut und ich hatte das Manöver schon drei- oder viermal vollführt. Diesmal bin ich in zu seichtes Wasser geraten. Ich weiß nicht, warum das passiert ist. Ich war Opfer meiner Gedanken“, sagte Schettino den Ermittlern.

„Zufällig in Rettungsboot gestürzt“

Laut italienischen Medienberichten machte Schettino ein technisches Problem dafür verantwortlich, dass er die Evakuierung an Bord nicht koordiniert hat. „Ich wollte nicht abhauen, sondern habe Passagieren geholfen, ein Rettungsboot ins Wasser zu lassen“, sagte er demnach vor einer Richterin. Als der Absenkmechanismus blockierte und plötzlich aber wieder ansprang, „bin ich gestrauchelt und lag plötzlich zusammen mit den Passagieren im Boot“. Daraufhin habe er nicht mehr auf das Schiff zurückkehren können, weil sich dieses schon zu sehr in Schräglage befunden habe.

Die Tageszeitungen „Corriere della Sera“ und „La Repubblica“ zweifeln diese Version der Ereignisse an, vor allem weil sich in dem Rettungsboot auch der zweite Offizier Dimitri Christidis und der dritte Offizier Silvia Coronica befunden hätten.

Protest gegen Haftentlassung

Die Staatsanwaltschaft der toskanischen Stadt Grosseto, die nach dem Kentern der Costa Concordia ermittelt, will Einspruch gegen den Hausarrest für Schettino einlegen. Der Kapitän habe sich auf verheerende Weise verhalten, betonte Verusio. Nachdem das Schiff wegen eines falschen Manövers gegen einen Felsen geraten sei, habe Schettino den Luxusliner verlassen, während die Evakuierungsaktion noch voll im Gange war. Er habe von einem Felsen aus das sinkende Schiff beobachtet, sagte Verusio. Damit habe er die Passagiere sich selbst überlassen, darunter 300 Kinder und Behinderte.

Der Staatsanwalt bestritt die Version des Kapitäns, derzufolge er nicht mehr an Bord des havarierten Kreuzfahrtschiffes zurückkehren konnte, weil sich die Costa Concordia zur Seite geneigt hatte und der Rückweg versperrt gewesen sei. Andere Besatzungsmitglieder seien sehr wohl an Bord zurückgekehrt, um den Passagieren zu helfen, sagte der Staatsanwalt. Er dementierte, dass Schettino am Samstag verhaftet worden sei, weil er flüchten wollte. Vielmehr habe man eine Manipulation von Beweisen befürchtet.

Die Staatsanwaltschaft wirft Schettino mehrfache fahrlässige Tötung, Havarie und das Verlassen des Schiffes mitten während der Evakuierung vor. Ihm drohen bis zu 15 Jahren Haft. Inzwischen liefen die Ermittlungen weiter. Zwei Offiziere, die mit Schettino am Abend der Katastrophe das Schiff verlassen hatten, sind ins Visier der Staatsanwälte geraten. Ermittlungen sollen auch gegen den für Krisen zuständige Manager der Rederei Costa Crociere aufgenommen werden.

Die italienischen Behörden verzeichneten nach der Havarie des Schiffes 22 Vermisste verschiedener Nationalitäten. Die Zahl der Toten wurde mit elf angegeben, außerdem gab es rund 80 Verletzte. Zum Zeitpunkt des Unglücks am Freitagabend waren mehr als 4.000 Menschen an Bord, darunter 77 Österreicher, die alle wohlauf sind.

Suche nach Vermissten abgebrochen

Die Suche nach den Vermissten wurde am Mittwoch aus Sicherheitsgründen abgebrochen. Suchtrupps mussten die „Costa Concordia“ Mittwoch früh verlassen, weil das Schiff abrutschte. Messungen zufolge habe sich das havarierte Kreuzfahrtschiff bewegt. Es müsse geprüft werden, ob das Schiff weiter Halt habe und die Sucharbeiten fortgesetzt werden könnten. Derzeit sei es zu gefährlich, sich dem Wrack „auch nur zu nähern“. Die Rettungskräfte befürchten, dass das Schiff von den Felsen rutschen könnte, auf denen es derzeit ruht. Dann könnte es vollständig sinken.

Noch unklar blieb, wann das Öl abgepumpt werden soll, das sich noch in den Tanks des Schiffes befinden. Die Behörden befürchten, dass sich die Wetterlage bald verschlechtern könnte, was die Rettungsaktion erheblich erschweren würde. Der Wellengang dürfte sich verstärken, warnten Meteorologe. (APA/dpa)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Di, 17.01.2012  06:42
aktualisiert: Mi, 18.01.2012  20:07
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