12.02.2012, 11:10  Aktualisiert: 13.02.2012, 07:09 
Fasnacht

Noch höher springen gegen die Kälte

Rund 20.000 Besucher sahen das Imster Schemenlaufen. Im Mittelpunkt stand der sechsstündige Auftritt der Roller und Schaller.
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Einen ausführlichen Bericht über das Fasnachtstreiben lesen Sie in der Montagsausgabe der Tiroler Tageszeitung.

Von Alexander Paschinger

Imst – Es kann gar nicht so bitterkalt sein, dass es einem echten Fasnachtsfreund beim Imster Schemenlaufen nicht warm ums Herz wird. Die Quecksilbersäule zog sich frühmorgens am Sonntag tief unten bei Minus 18 Grad zusammen, untertags verlor die Kälte zumindest ein wenig den Biss. Umso mehr bissen Zuschauer und die rund 900 Aktiven durch.

„Da gibt es ein Geheimrezept – Rheumasalbe“, verrät Josef „Joggi“ Neururer, der Roller im so genannten dritten Obermarkter Klöpplerpaarle. Es war schon seine insgesamt achte Fasnacht. Und immer war er mit seinem Kindergartenfreund Charly Maaß Roller und Schaller.

Am Samstagabend hatten sich die beiden noch die sieben großen Fasnachtswägen am Stadtplatz angeschaut. „Aber nur von außen – sonst hältst du am Sonntag nicht durch“, erklärt Joggi. Vielmehr hieß es früh schlafen gehen, denn um 6 Uhr Früh gingen schon Wecker und Handy ab. „Wir schlafen eigentlich inzwischen recht gut – als Junger, da bist du voll aufgeregt vor dem Schemenlaufen“, sagt Charly.

Die beiden Freunde treffen sich vor 6.30 Uhr am Friedhof. Eine alte Tradition: Man zündet bei den verstorbenen Fasnachtern am Grab eine Kerze an. Danach geht es gleich in die Pfarrkirche. Die ist am Tag des Schemenlaufens bummvoll – alle 900 Teilnehmer sind nämlich aufgefordert, diese Messe zu besuchen. Nach der Kirche ab zum Figatter: Heuer standen Fasnachtsobmann Ulli Gstrein und sein Stellvertreter Luis Schlierenzauer im Mittelpunkt der Aufführung. Es ging um einen nächtlichen Alarm im Haus der Fasnacht – letztlich soll ihn eine Fledermaus ausgelöst haben.

Die Straßen sind noch ziemlich leer. Während die Herolde die Fasnacht verkünden, herrscht in den Häusern eifriges Arbeiten: Die Männer schlüpfen in ihre Kostüme, die Frauen nähen alles an und fest – sogar die Schnürsenkel. „Das kann schon so eineinhalb Stunden dauern“, sagt Joggi. Er als Roller, der mit seinen Sprüngen am meisten in Bewegung ist, braucht am längsten. „Aber da fängt es schon an zu kribbeln“, bekennt der Roller, die Aufregung steigt.

Ab 9 Uhr ziehen schon die ersten kleineren Wägen auf. Von der Unterstadt hinauf zur Pfarrkirche lautet die Route. Die Straßen füllen sich, immer mehr Zuschauer säumen den „Aufzug“. Die sieben großen Fasnachtswägen fahren los und werden im Zentimeterbereich an Hausecken, vorstehenden Dächern und Laternen vorbeigelotst. Dazwischen immer die verschiedenen Fasnachtslarven: Sackner und Hexen, Bären und Spritzer, Vogelhändler und Kaminer – das Imster Schemenlaufen kennt viele verschiedene Gruppen.

Die wichtigste ist aber jene der Roller und Schaller, von denen es 55 Paare gibt. Sie führen das Gangle vor: Der Roller stupft den Schaller an, erst ein paar Schritte, dann beginnt der Roller im Rhythmus der Schallerschläge zu springen. „Wenn du den Pemsl, den Rollerpinsel, abholst, musst du rückwärts auf den Tisch springen können“, erklärt Joggi.

Nach einer Stunde ist die Pfarrkirche wieder erreicht. Der Gasthof Hirschen wird zur Fasnachtstrutzburg: Hier dürfen nur die Aktiven hinein, noch etwas trinken, eine Nudelsuppe. Und ein paar Frauen sind da: Wenn jemand noch auf das WC muss – denn dann muss wieder eingenäht werden.

Mit dem letzten Zwölfeschlag der Kirchturmuhr geht es dann los: Raus aus der Wärme, auf mit der Maske und der erste von insgesamt sieben Kroasen wird gebildet: Die 370 Ordnungsmasken, Spritzer und Sackner, drängen die drückenden Zuschauermassen zurück. Beim ersten Kroas werden meist die helfenden Frauen eingeführt: Sie hängen sich beim Schaller ein, der Roller macht das Gangl.

„Keine Ahnung, wie viele Gangln wir da machen“, sagt Neururer. Aber es sind unzählige. Da ist man froh, wenn nach drei Stunden die Johanneskirche erreicht ist: eine halbe Stunde Pause, etwas trinken.

Doch dann steht erst die Kramergasse am Programm: „Du bist nach der Pause ausgekühlt, die Kramergasse ist zugig und kalt“, stöhnt Neururer. So mancher habe da schon Krämpfe erlitten, einen Masseur gebraucht. „Aber man beißt durch, das Adrenalin gibt dir Kraft sagt Joggi. Auch Charly geht an seine Grenzen. Das G‘schall, seine 25 Kilo schweren Glocken, drücken an den Schultern – eineinhalb Stunden noch bis zum Stadtplatz. Der wird um 17 Uhr erreicht – Schlusskroas, Z‘sammschallen, Betläuten, Larve runter. Charly und Joggi schauen sich an, fallen sich in die Arme. „Die Zacher (Tränen, Anm.) drucken.“ Es ist geschafft. Einmal mehr. Ein riesiges Glücksgefühl erfasst alle, die dabei waren.

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom So, 12.02.2012  11:10
aktualisiert: Mo, 13.02.2012  07:09
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