18.02.2012
Wissen

Für 20 Minuten ein Superheld

Er sieht aus wie das optimale Faschingskostüm, wird aber immer häufiger auch außerhalb der Narrenzeit getragen – der Morphsuit. Schotten erfanden ihn, um inkognito zu sein. Die TT ist in den Tarnanzug geschlüpft.
Der reinste Feldversuch ist ein Spaziergang im Morphsuit durch die Öffentlichkeit. Die Reaktion der Passanten reicht von Irritation über Faszination, Neugier, Neid, Sorge bis hin zu unverhohlener Scham.Fotos (6): Böhm

Von Judith Sam

Innsbruck – Ein Outfit, vier Einsatzbereiche: als Faschingskostüm, als potenzielle Bankräuber-Montur, für psychologische Feldversuche oder einfach nur, um inkognito zu sein – der so genannte Morphsuit ist vielseitig. Darum verwundert es nicht, dass immer mehr Fotos von Morphsuit-Trägern im Netz grassieren: Ein oranger, der beim New-York-Marathon mitflitzt. Eine Horde grüner bei Rockkonzerten. Und grölende, blaue Morphs, die im Fußballstadion dem Ball die Schau stehlen.

Dabei hat alles harmlos begonnen: Drei Schotten erfanden den Morphsuit vor drei Jahren und verkauften seitdem mehr als 400.000 Stück. Sie waren es leid, nach Saufgelagen peinliche Fotos von sich im Internet zu finden. Kaum trugen sie die Anzüge, erkannte sie nicht mal mehr ihre eigene Mutter und der Narrenfreiheit waren keine Grenzen gesetzt. Auch in Tirol sind die bizarren Anzugträger mittlerweile anzutreffen – so verwandeln sich die Artisten der Innsbrucker Gruppe „Das Spielvolk“ mithilfe der Lycra-Einteiler für Auftritte in lebendige Schaufensterpuppen.

Bei meinem ersten Blick auf die Morphs ist die Reaktion gleich wie die aller anderen: erstaunt, mit einem Schuss Irritation und zwei Einheiten Neugier. Doch gleich verweist die Vernunft die Neugier vom Platz und mahnt mich zur Vorsicht. Nervös wende ich meine Blicke ab, denn sie finden keinen Halt – dort, wo die Anatomie ein Gesicht vorschreibt. Ich starre nur in leere Augenhöhlen – keine Mimik, keine Persönlichkeit.

Thomas Kugener, dem Organisator vom „Spielvolk“, ist diese Reaktion nicht fremd: „Als meine Morphs zum ersten Mal auftraten, wurden sie von johlenden Kindern mit Spritzpistolen gejagt.“ Kein Wunder, denn im Morphsuit jeder ersichtlichen Emotion beraubt, kann man keine Autorität ausstrahlen. Trotzdem will ich natürlich wissen, wie es sich anfühlt, inmitten einer Menschenmenge unterzugehen, obwohl man eigentlich heraussticht.

Kugener reicht mir einen roten Suit in Large. In einem naiven Moment will ich mich für den blauen Anzug entscheiden, weil mir die Farbe besser steht. Dabei sieht man in wenigen Sekunden ohnehin nichts mehr von mir. Ich habe den ominösen Anzug noch gar nicht angefasst, schon drängeln sich drei Worte aus meinem schillernden Fundus an Vorurteilen: transpirieren, frieren, blamieren. Ist der Stoff des futuristischen Anzugs nicht atmungsaktiv, wird er sich anfühlen wie eine mobile Sauna. Ist er zu dünn, sollte ich auf dem Heimweg bei der Apotheke Halt machen. Aber das sind nicht die einzigen Sorgen, die an mir nagen: Werde ich mich lächerlich machen, wenn ich mit dem Aussehen eines rasierten, abgemagerten Teletubbies durch die Öffentlichkeit flaniere?

Und muss man völlig textilfrei in diesen Anzug steigen? Ich will ja nicht behaupten, ich sei prüde, aber bei meinem Morph-Kollegen vom „Spielvolk“ sieht man genau, dass ihm kalt ist – auf seiner Brust zeichnen sich nämlich zwei Punkte ab, dass man meinen könnte, er schmuggle zwei Erbsen.

Eine Sorge verpufft dank Kugener schnell: „Wir haben eigene Unterwäsche – die verdeckt alles.“ Meine zweite Sorge erweist sich ebenso als haltlos, denn kaum habe ich den Hauch von Synthetik über meinen Körper gerafft und den Reißverschluss über meinem Kopf zugezogen, bin ich inkognito – im blamagefreien Raum sozusagen.

Der Anzug selbst fühlt sich angenehm an – wie Skiunterwäsche. Ich sehe aus wie ein kirschroter Low-Budget-Superheld und sehe rot. Nur rot. Schemenhaft kann ich die Silhouetten der Leute wahrnehmen, deren Mimik kann ich höchstens erahnen. Es ist mir also nicht möglich zu beurteilen, wie die Leute um mich herum reagieren, als ich das Kaufhaus Sillpark in Innsbruck betrete. Ich höre nur Wortfetzen: „Ist das ein Mensch?“ Und: „Geh da lieber nicht so nah hin.“ Andere wiederum reagieren sehr freundlich und fragen, ob ich überhaupt Luft bekomme. Das ist kein Problem, Folgendes hingegen umso mehr: Meine Augen tränen und schmerzen nämlich, weil der Stoff unbarmherzig auf die Wimpern drückt.

Nicht zuletzt deswegen bin ich erleichtert, als ich mich nach knapp 20 Minuten aus der surrealen Montur schälen kann. Zwei euphorisch erhobene Daumen also für die Morphs der Artistengruppe „Das Spielvolk“, die jetzt sechs Stunden lang in dem Anzug Salti schlagen, Partnerakrobatik aufführen und jonglieren werden – oder einfach durch Geschäfte morphen.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Sa, 18.02.2012
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