Die perfekte Tarnung für ein Wunder
Reise-Informationen zu Petra
Anreise: Jordaniens nationale Fluglinie Royal Jordanian verkehrt zwei Mal wöchentlich zwischen München und Amman (www.rj.com). Durchschnittliche Flugzeit: 3 1/2 Stunden. Flüge gesehen ab 260 Euro.
Klima: In Jordanien herrscht trockenes Mittelmeerklima mit sonnigen, wolkenlosen Tagen und kühleren Nächten. Von November bis März kann es regnen, aufgrund der Höhenlage in Amman im Winter auch schneien. Beste Reisezeit: Frühjahr und Herbst.
Hotels: Das Mövenpick Resort Petra mit 183 frisch renovierten Zimmern und orientalischem Flair befindet sich direkt am Eingang der historischen Felsenstadt Petra. Infos unter www.moevenpick-hotels.com.
Essen: Nicht einfach nur jordanisch essen, sondern selbst landesüblich kochen, lernt man unter Anleitung im Restaurant – The Petra Kitchen – in Petra. Natürlich werden die Gerichte anschließend kredenzt und gekostet. Anfragen unter: kitchen@petramoon.com.
Veranstaltungen und Informationen: Zum 200. Jubiläum der Wiederentdeckung der Felsenstadt Petra zeigt das Jordan Museum in Amman ab Herbst die Sonderausstellung „Petra. Wunder der Wüste. Auf den Spuren von Johann Ludwig Burckhardt alias Scheich Ibrahim.“ Mehr dazu unter: http://jordanmuseum.jo. Weitere Informationen zu Sehenswürdigkeiten in Jordanien und zum Land selbst erteilt das „Jordan Tourismus Board“ in Wien telefonisch unter 01/4051025-28. Homepage: www.visitjordan.com.
Von Vanessa Grill
Petra – Man braucht keine rosarote Brille, um sich in die mehr als 2200 Jahre alte Stadt mitten in der Wüste Jordaniens zu verlieben. Das Strahlen in den Augen der Besucher, die Petra sehen, kommt dem turtelnder Paare gleich. Das Sonnenlicht taucht die Felsen in Rot- und Ockertöne. Romantischer könnte ein Ort nicht sein. Die Griechen nannten diese Stadt schlicht Petra – der Fels. Ein eigentlich zu schlichter Name für die wohl unglaublichste Wüstenstadt der antiken Welt, die wir den Nabatäern zu verdanken haben.
„Das Nomadenvolk wurde vor mehr als 2000 Jahren sesshaft und schuf in dieser unwirtlichen Gegend eine blühende Stadt mit gigantischer Architektur und einem genialen Wassersystem“, berichtet Mueen, unser jordanischer Reiseführer. Die großartigsten Bauten gehörten den Toten. Die Nabatäer erwiesen sich als geschickte Architekten und Handwerker und schlugen die Grabmäler direkt in die Felswände aus weichem Sandstein. „Petra war eine Handelsmetropole. Bis 106 nach Christus die Römer die Stadt einnahmen. Die staubige Hauptstraße wurde zwar noch gepflastert, aber die Handelsrouten verschwanden, genauso wie Petras Wohlstand“, weiß Mueen. Mit der Zeit verblasste die Erinnerung an die antike Stadt und sie versank im Sand.
Lange galt Petra als „verlorene Stadt“, bis Johann Ludwig Burckhardt sie dem Vergessen entriss. Der Schweizer suchte Anfang des 19. Jahrhunderts nach seinem Jus-Studium in London Arbeit. In seiner Verzweiflung nahm er einen Geheimauftrag an. Als Moslem getarnt, sollte er einen Zugang zu den unbekannten Schätzen Afrikas finden. Der Fluss Niger erschien vielversprechend. Burckhardt bereitete sich präzise auf die Expedition vor. Er lernte Arabisch, Gebete der Moslems und das Verhalten der Beduinen und verwandelte sich so in Scheich Ibrahim ibn Abdallah. Sein Leben hing von der perfekten Tarnung ab. Kurz vor Abreise schrieb der Schweizer seinen Eltern in einem Brief, der an der Universität in Cambridge archiviert ist: „Ich habe ei- nen Plan im Werke, der mit Gefahr, aber auch mit großem Nutzen verbunden ist. Nicht nur für mich. Auch für England. Und ich darf sagen, für die ganze Menschheit.“ Im Sommer 1812 machte sich der getarnte Geheimagent von Syrien mit einem einheimischen Begleiter Richtung Kairo auf. Auf seinem Weg lockten ihn dann Gerüchte um die Existenz der versunkenen Stadt Petra. Er war entschlossen, ihnen nachzugehen. Als vorgeblich gläubiger Moslem durfte er sich aber nicht für die Kunst alter andersgläubiger Völker interessieren.
Also wandte er eine List an: Er habe gelobt, am Grab des Propheten Aaron am Berg Hor eine Ziege zu opfern. Aaron, der Bruder Mose, wird auch im Islam verehrt und so führte ihn sein Begleiter zum heiligen Ort, südlich der Felsenstadt. Er gewährte Burckhardt dadurch Zugang zum Tal, in dem er am 22. August 1812 den Ruinen von Petra gegenüberstand. Als der Schweizer die Kultstätte der Nabatäer entdeckte, hatte die Natur diesen Platz bereits zurückerobert. Die hohen Fassaden, Säulen und Gesimse der aus dem Sandstein gehauenen Monumente waren mit dem Stein gealtert. Wind und Regen hatten ihr Übriges getan. Und dennoch war sich Burckhardt sicher, die verlo-rene Stadt vor sich zu haben. Er fertigte heimlich Skizzen der Tempelanlage und Grabmonumente an. „Zwischen Totem und Rotem Meer gibt es keine anderen Ruinen, die geeigneter wären, um für die von Petra gelten zu können“, schrieb er nach London. Während die ganze Welt seine Entdeckung feierte, nahm Burckhardt seine eigentliche Mission wieder auf. Am 18. Oktober 1817 starb er jedoch in Kairo – ohne den Niger erreicht zu haben.
Der Weg durch die teilweise 200 Meter hohen Felsen musste Johann Ludwig Burckhardt wie eine Schleuse ins Paradies vorgekommen sein. 30 Minuten geht man vom Eingang Petras durch eine enge Schlucht (Siq), die an manchen Stellen 100 Meter hoch, aber nur zwei Meter breit ist. Nach der letzten Biegung des Siqs öffnet sich unvermittelt der Blick auf das berühmte Schatzhaus von Petra, dessen 43 Meter hohe und 30 Meter breite Sandsteinfassade das beeindruckendste, besterhaltene Mausoleum der Felsenstadt ist.
Für uns ist der Anblick heute so überwältigend, wie er vor 200 Jahren für Burckhardt gewesen sein muss – selbst wenn dort jetzt viel Trubel herrscht. „In Spitzenmonaten drängen sich 120.000 Besucher durch den Siq“, erklärt Mueen. Die Beduinen, die 1985, als Petra zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt wurde, aus den Grabstätten – ihren Höhlen – vertrieben wurden, verkaufen Souvenirs und führen bequeme Besucher in Pferdekutschen oder auf Eseln durch die enge Schlucht. „Wenn diese Leute wüssten, welcher Anblick ihnen durch den Ritt entgeht“, sagt Mueen und zeigt auf die von Mineralien gefärbte Maserung der Felsen. Zarte Wellen in Rot, Rosé, Ocker, Weiß und Blau ziehen sich über die Wände. Nun verstehen wir, warum die Nabatäer ihr Tal „Raqmu“ (zu deutsch: das „Buntgestreifte“) nannten.
Bis heute haben Forscher auf einer Fläche von 20 Quadratkilometern etwa 1000 Gebäude und Gebäudereste lokalisiert. Schätzungsweise seien aber erst 20 Prozent des antiken Petra ausgegraben, erklärt Mueen, der in seiner Studienzeit selbst mit Archäologen nach Überresten der nabatäeischen Blütezeit und Spuren Johann Ludwig Burckhardts suchte.
Auch wenn der Schweizer sein eigentliches Ziel, die Entdeckung der Schätze des Nigers, verfehlt hat, so legte er den Grundstein für die Erforschung einer bislang mysteriösen Stadt, die seit 2007 zu den „Neuen sieben Weltwundern“ zählt. „Den großen Nutzen für die Menschheit“ erkennen nicht nur Forscher, sondern auch die Besucher, deren Augen beim Anblick der Felsenstadt strahlen wie die turtelnder Paare.


