30.04.2012, 19:31  Aktualisiert: 01.05.2012, 15:23 
Ein Experiment

Perlen vor dem Frühstück 2.0

Ein Bach-Violinsolo mitten im ersten Pendlerstrom: Welche Saiten der Tiroler bringt ein junger Geigenvirtuose damit morgens am Innsbrucker Bahnhof zum Klingen?
Infobox
Das Experiment:

Wird Schönheit und Kunst an einem ganz gewöhnlichen Ort wahrgenommen? Vor fünf Jahren stellte sich Gene Weingarten diese Frage und ließ Stargeiger Joshua Bell in einer U-Bahnstation in Washington ein Konzert geben. Die TT stellte dieses Experiment zum Jubiläum nach.

Von Silvana Resch

Innsbruck – „Schrecklich“, sagt die Verkäuferin im Geschäft gegenüber vom ÖBB-Reisecenter. „Wir mussten die Türen schließen, sonst hätten wir nicht arbeiten können. Wenn er so wie Vanessa Mae gespielt hätte ...“ – „Oder wenn sich ein Chippendale hingestellt hätte“, fällt ihr eine Kollegin ins Wort, „dann wäre uns egal gewesen, was er da spielt.“

Begonnen hatte alles um 6.54 Uhr. Ein schlanker, junger Mann mit Hut und Geigenkoffer bezog in der Bahnhofshalle links unterhalb der Tafel „Ankünfte“ Stellung. Zuvor musste er aber noch einen Reisenden mit sperrigem Gepäck vertreiben. Nicht aus künstlerischer Arroganz, sondern weil dieser Standort im Vorfeld für die Kameras fixiert wurde. Genau an dieser Stelle sollte nämlich so etwas wie ein regionaler Remix einer berühmten US-Vorlage über die Bühne gehen.

Mit Stradivari am Bahnhof

Vor fünf Jahren publizierte die Washington Post einen Artikel, der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde: US-Stargeiger Joshua Bell hatte sich dafür frühmorgens in eine Washingtoner Metro-Station gestellt und ein 43-minütiges Konzert gegeben. Inkognito mitsamt einer wertvollen Stradivari.

Eine Stradivari hat der junge Mann mit Hut nicht, berühmt ist der 29-Jährige auch (noch) nicht gerade. Als Geigenvirtuose kann man den Zweiten Konzertmeister des Tiroler Symphonieorchesters aber auf jeden Fall bezeichnen.

 Ein Bach-Solo fuer den Pendlerstrom


Martin Yavryan, gebürtiger Armenier, zögerte nicht lange, für dieses Experiment in die Fußstapfen des berühmten US-Kollegen zu treten. „Es gibt keinen Vergleich zwischen Bell und mir. Es ist Kunst, entweder es gefällt oder es gefällt nicht“, so der Violinist vor seinem Bahnhofskonzert.

Warum aber überhaupt eine Neuauflage dieses Experimentes?

Schönheit an gewöhnlichen Orten

An einem profanen Ort zu einer unpassenden Zeit, wird Schönheit da überhaupt wahrgenommen? So eine der zentralen Fragestellungen im Washington-Post-Artikel. Für Joshua Bell hielt der Auftritt in der Rushhour jedenfalls eine völlig neuartige Erfahrung parat: Hunderte Menschen zogen achtlos an ihm vorbei. Stille statt tosenden Applauses, Gleichgültigkeit statt Ehrfurcht.

In Europa würde ein talentierter Geiger bestimmt ein größeres Publikum finden, vermutete US-Dirigent Leonard Slatkin damals. Daran glaubt Brigitte Fassbaender, Intendantin des Tiroler Landestheaters, auch heute. „Kunst und Kultur haben hierzulande einen sehr hohen Stellenwert. In Innsbruck wird auf kleinstem Raum ungeheuer viel geboten und das Publikum ist sehr aufgeschlossen und interessiert.“

Gute Gründe also für die Wiederholung des Versuches mit lokaler Variation: Provinz-Bahnhof statt Großstadt-Metro. Auf dem Programm: Konzertmeister Martin Yavryan spielt Violin-Meisterwerke von Bach, Paganini und Ysaÿe mitten im morgendlichen Pendlerstrom.

Eine Prognose zu möglichen Zuhörerzahlen will Fassbaender im Vorfeld aber nicht abgeben: „Ich hoffe, dass mehr stehen bleiben als in Washington“, so die Intendantin. „Für Joshua Bell war das damals ja sehr enttäuschend.“

Millionen Mal angesehen

Als Misserfolg darf Bells Auftritt in der Metro aber keinesfalls gewertet werden. Der Mangel an Aufmerksamkeit vor Ort wurde im Internet ins Gegenteil verkehrt: Auf Online-Aufmerksamkeitsmärkten wie Youtube wurde das Bell-Metro-Video bald zum „viralen“ Schlager. Das heißt, der Clip fand, ähnlich einem aggressiven Virus, mit Millionen Klicks explosionsartige Verbreitung.

Fünf Jahre nach dem Event zirkuliert das Video nach wie vor in den sozialen Netzwerken. Zuletzt auch verstärkt in der Tiroler Facebook-Gemeinde.

„Das Label entscheidet, ob etwas Kunst ist“

„Die Botschaft des Videos ist, wie jene der meisten viralen Videos, recht simpel“, erklärt Medienwissenschafterin Jana Herwig: „Nicht die Qualität, sondern das Label entscheidet, ob etwas große Kunst ist.“ Im Gegensatz zu den Passanten habe der Betrachter den entscheidenden Vorteil zu wissen, wer da spielt. „Er kann sich einbilden, dass er die Größe des Künstlers womöglich erkannt hätte.“ Am Innsbrucker Bahnhof bleibt Yavryans Können jedenfalls nicht gänzlich unerkannt. Um 6.58 Uhr stimmt der Konzertmeister sein Streichinstrument behutsam an: Klagend und frohlockend, erhebend und verstörend, tänzelnd, taumelnd, lachend und singend wird sein Spiel für die nächsten 44 Minuten durch die Bahnhofshalle klingen. Mal sanft und sehnsuchtsschwer, mal aufdringlich und bestimmend.

„Chaconne“ mit kalten Fingern

„Das ist ein Künstler“, sagt ein Schüler 39 Minuten später zu seiner Begleitung auf der Rolltreppe. Yavryan wickelt in der zugigen Bahnhofshalle ein äußerst anspruchsvolles Programm äußerst virtuos ab: Ebenso wie Bell spielt er die „Chaconne“ der Partita Nr. II für Violine Solo von Johann Sebastian Bach, dazu Paganinis „Caprice“ Nr. 24 a-Moll, Eugène Ysaÿes Sonate für Violine Solo „Ballade“ Nr. 3 und zum Abschluss ein armenisches Stück namens „Kranich“. „Für die Uhrzeit und meine kalten Finger war es okay“, gibt sich der Geiger anschließend bescheiden.

In der Washingtoner Metro blieben von 1097 Passanten lediglich sieben für Bells Spiel stehen. 32 US-Dollar nahm der Stargeiger ein. Und wie fällt diese Bilanz in Innsbruck aus? „Ich würde lieber Kreisler oder eine andere schöne bekannte Melodie hören“, gab Fassbaender vorab zu bedenken. Nach dreizehn Jahren erfolgreicher künstlerischer Leitung ist auf ihren Geschmack Verlass. Denn auch in Innsbruck bildet sich keine Zuhörerschar. Mehr als 2000 Reisende hasten vorbei. „Man braucht Zeit für diese Musik“, so die Intendantin.

Ein Video mit einem Geiger

Über einen richtigen Fan darf sich Yavryan aber dennoch freuen. Die pensionierte Lehrerin Edeltraut Böhm spendete nach 27 Minuten Spielzeit einsamen, doch euphorischen Applaus. 30 Passanten gaben insgesamt 38 Euro 79 Cent. „Kein schlechter Stundenlohn“, so der Geiger. Seine Virtuosität will jedoch zahlreichen Pendlern aufgefallen sein. Und auch ein paar Schüler haben gelauscht: „Ich hab‘ ein Video gesehen mit einem Geiger in der Metro, ich hab‘ mir gedacht, vielleicht ist das auch so was“, sagt einer, der zwei Euro gegeben hat.

 

Eine Versuchsanordnung von Patricio Hetfleisch (Idee), Silvana Resch (Editing und Video), Christoph Rauth (Passanten-Interviews) und Jan Hetfleisch (Fotografie)

Mit freundlicher Unterstützung des Tiroler Symphonieorchester Innsbruck

Mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB)



Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Mo, 30.04.2012  19:31
aktualisiert: Di, 01.05.2012  15:23
sperrstunde
Parship
Jobs
Unterkunftssuche
Panoramabilder
Panoramabilder
Panoramablick
Events · Kino · TV · Motor · Multimedia · Musik · Stars · Leben ·
AGB Kontakt Impressum