18.05.2012, 15:27  Aktualisiert: 21.05.2012, 13:10 
Geldstreik

Erst Weltreise, dann Familie: Leben ohne Geld

Seit zwei Jahren ist Raphael Fellmer im „Geldstreik“, d.h. er will und braucht keinen Cent. Denn geldlos lebt es sich recht gut - auch mit Familie.
     
Von Silvana Resch

Innsbruck – Bei Familie Fellmer kommt nur Bio auf den Tisch. In der Wegwerfgesellschaft landet nämlich Gemüse aus biologisch-dynamischen Anbau ebenso im Müll wie z.b. aus Argentinien Importiertes. Aus der Tonne „rettet es“ dann der 28-Jährige Berliner Raphael Fellmer. „Containern“, d.h. Lebensmittel mit abgelaufener Haltbarkeit oder Gemüse, das für den Verkauf nicht mehr knackig genug aussieht, aus der Mülltonne zu holen, ist die Lebensgrundlage für ihn, seine Frau Nieves und Baby „Lucia“. In den Containern - vorzugsweise von Bioläden - findet Fellmer dabei nicht nur genug für seine Familie, er kann auch noch an andere weitergeben.

Der „perverse Überfluss in unserer Gesellschaft“ ist Fellmers Motivation für seinen bereits seit zweieinhalb Jahren andauernden „Geldstreik“. Er will zu einer ökologisch-nachhaltigeren Lebensweise anregen. „Wir sind sozusagen die kleinere Made von der ganz großen Made im Speck, die wie ein Blutegel die Ressourcen der Erde aussagt“, sagt der 28-jährige, wenn ihm vorgeworfen wird, auf Kosten anderer zu leben.

Seit Abschluss seines „European Studies“-Studiums in Den Haag lebt er daher ohne etwas zu verdienen, zu bezahlen oder gar auf der hohen Kante zu haben. „Wir leben hier in Europa alle auf Kosten anderer. Unsere Gesellschaft basiert eigentlich auf einer Art ‚freiwilligen‘ Sklavenarbeit in anderen Ländern. Afrika und Asien sind quasi die Werkstätten der reichen Länder, aus denen Produkte und Rohstoffe bezogen werden. Und wir leben alle auf Kosten der Natur“, so der überzeugte Veganer.

In Innsbruck war der Deutsche, der sich selbst als „Weltenbürger“ bezeichnet, vor kurzem auf Durchreise Richtung Italien. Anreise per Anhalter, zwei Nächte „Couchsurfing“ in Tirol, dann weiter zu einem Vortrag nach Meran. Denn Fellmer hat es mit seiner Lebensweise mittlerweile zu medialer Berühmtheit gebracht. Verschiedene Tageszeitungen und TV-Sender haben über ihn und sein Projekt http://en.forwardtherevolution.net/ berichtet.

Fellmer ist zudem ein gern gesehener Talk-Show-Gast. Und das nicht nur, weil er kein Honorar, keine Hotelunterkunft oder Fahrtkosten in Anspruch nimmt. Der 28-Jährige ist ein ebenso interessanter wie angenehmer Gesprächspartner. Und er weiß von Abenteuern zu berichten, die kaum einer wagen würde. Begonnen hat seine geldlose Lebensweise nämlich mit der sogenannten „Reise der Menschheit“: Ein elf-monatiger Trip von Holland bis nach Mexiko. Per Anhalter ging die Reise nach Marokko weiter über den Pazifik bis nach Mexiko zur Hochzeit eines Freudes. Ohne dass die vierköpfige Gruppe dabei je einen Cent angenommen oder ausgegeben hätte. Fellmers Augen strahlen, wenn er von der Reise erzählt. Denn egal wo auf der Welt, man sei auf sehr viel Hilfsbereitschaft gestoßen: „Vor allem in Marokko war die Gastfreundschaft besonders groß“, schwärmt der Spross einer Akademikerfamilie und bilanziert: „Wir haben die Menschheit sehr ins Herz geschlossen.“ Im Video-Interview erzählt der 28-Jährige von seiner Reise.

Die Erfahrungen waren so positiv und reichhaltig, dass Fellmer und seine Partnerin beschlossen, auch weiterhin auf Geld zu verzichten: „Es lebt sich sehr viel harmonischer und auch schöner. Im Austausch mit anderen Menschen haben wir sehr viel Gutes gespürt. Wir haben gemerkt, dass Geld uns sehr oft voneinander entfernt. Das profit-orientierte Denken isoliert uns“, so die Überzeugung des Lebenskünstlers. Vor allem die Beziehung von Mensch und Natur sieht Fellmer durch Geld korrumpiert.

Derzeit wohnt der 28-jährige mit Familie in einer evangelischen Bildungseinrichtung in Berlin, dort wird gemacht, was anfällt, „von putzen bis Bürotätigkeiten“. Schon bald soll aber nach Italien ausgewandert werden. „Wir wollen eine Community mit gleichgesinnten Menschen am Land zu gründen und möglichst autark leben. D.h. die 100-prozentige Selbstversorgung wäre das Ziel.“

Das ganz große Ziel von Fellmer ist aber freilich, dass es in unserer Gesellschaft keinen Überfluss mehr gibt. Auch wenn es sich davon mit etwas Kreativität gar nicht so schlecht leben lässt.

Mehr Info: www.forwardtherevolution.net

www.facebook.com/forwardtherevolution

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Fr, 18.05.2012  15:27
aktualisiert: Mo, 21.05.2012  13:10
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