Die Achselhaare der Primaballerina
Von Sabine Strobl
Innsbruck – Dienstag, 19.30 Uhr hinter der Bühne im Congress Innsbruck: Spiegel reiht sich an Spiegel. Tänzer, die einen in Trainingshosen, die anderen mit Flip-Flops, sitzen davor und verteilen dicke Patzen Make-up auf dem Gesicht. In einer Stunde werden sie – Les Ballets Trockadero de Monte Carlo, kurz Trocks – als grazile Ballerinen vor das Publikum treten. Es herrscht lautlose Konzentration, nervös scheint höchstens das nicht tanzende Personal zu sein. Die Tänzer schminken sich selbst. Da wird eine Augenbraue mit Pinsel geformt, nebenan mit sicherer Bewegung ein Auge ums Doppelte vergrößert. Für einen hereinschlendernden Tänzer ist noch ein Biss in eine Semmel nötig, aber die Perücke liegt schon bereit ...
20.30 Uhr: Die Verwandlung ist geglückt. Die 15-köpfige Männertruppe taucht als Schwänchengruppe auf. Na ja, ihre Spitzenschuhe sind etwas groß und die Achselhaare der Primaballerina freche Berechnung. Sie sind Männer und tanzen die Frauenrollen des romantischen Balletts. Nein, nicht als plumpe Parodie, sondern mit feiner ironischer Klinge. Im Repertoire ist natürlich der zweite Akt nach Lev Ivanovich Ivanovs „Schwanensee“ zu Tschaikowskys Musik, das man derzeit eher von diversen Hochzeitseinlagen kennt. In zuckersüßester Romantik verlieben sich Prinz und Prinzessin ineinander. Doch der böse Zauberer Rotbart hat die Prinzessin in einen Schwan verwandelt und stellt seine Bedingungen. Immer wieder muss man den Corps de ballet bewundern, vor allem die Synchronität der Tänzerinnen, pardon Tänzer. Bis sie aus der Reihe watscheln. Balletthandwerk und das Spiel damit.
In den 70er-Jahren, als die Trocks in New York gegründet wurden, konnte man mit dieser Travestie auf Tanztraditionen provokant und spaßig reagieren. Heute ist der Rollentausch der Geschlechter eine flotte Art, mit Ballett umzugehen. Jedenfalls schleicht sich der Gedanke ein, dass Ballett schneller als gedacht einer Renaissance unterzogen werden könnte.
Nicht weniger humorvoll ist der Zugang der Trocks zum 2009 verstorbenen und führenden Choreografen des modernen Tanzes, Merce Cunningham. „Patterns in space“ wird gegeben. Hier soll man nur aufpassen, dass man nicht entweder bei den drei Tänzern oder bei den Musikern, deren Instrumente Zuckerlpapier und Rasierapparat sind, alleine hängenbleibt. Aber zurück zum Ballett, denn jetzt muss das Tutu Federn lassen.
22.40 Uhr: Herzlicher Applaus. Nicht nur die Verwandlung, auch der Einstand beim Innsbrucker Tanzsommer ist geglückt. Hinter der Bühne wird der eine oder andere froh sein, den Spitzenschuh wieder gegen Flip-Flops austauschen zu dürfen.



