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Kritische Situation nach Regen

Nach Hangrutsch: Haus in Iselsberg wurde abgerissen

In Osttirol setzten sich nach Regen und Schnee Hänge in Bewegung, ein Mehrfamilienhaus stürzte teilweise ein und muss abgerissen werden. Im Zillertal kam es auch zu Stromausfällen. Im Oberland gibt es große Schäden.

Lienz, Innsbruck – Große Schäden haben die Niederschläge der vergangenen Tage in Osttirol und im Oberland angerichtet. Jenes Haus in Iselsberg, das in der Nacht auf Dienstag teilweise eingestürzt ist, musste abgerissen werden. Landesgeologe Gunther Heißel verwies auf die wassergesättigten Böden und sprach am Dienstag nach mehreren Lokalaugenscheinen von einer „zugespitzten Situation“.

Die Landesgeologen sind derzeit vor allem in Osttirol und im Oberland im Einsatz. „Insgesamt haben die Erkundungen der Experten vor Ort ergeben, dass der Untergrund in nahezu allen betroffenen Gebieten vollkommen wassergesättigt ist, sodass man von einer zugespitzten Situation hinsichtlich Hangrutschungen, Hangexplosionen und Felsabbrüchen ausgehen müsse“, berichtet die Landesregierung in einer aktuellen Aussendung. Erst der Eintritt großer Kälte könne zu einer teilweisen Entschärfung der kritischen Situation führen, so Landesgeologe Gunther Heißel.

Einsturzgefährdetes Haus in Iselsberg abgerissen

Die Fassungslosigkeit im Ort ist groß. Das Leben der Bewohner eines Wohnbaus in Iselsberg-Stronach hat sich von einem Tag auf den anderen völlig verändert. Dort, wo sich am Montag noch ihre trauten vier Wände befanden, liegt jetzt ein Trümmerhaufen. Am Dienstagmittag war schweres Gerät aufgefahren und hatte das Haus in wenigen Stunden abgetragen.

Der rasche Abbruch des durch einen Hangrutsch beschädigte Gebäude war unausweichlich geworden, da Gefahr in Verzug war. „Zwei Familien und zwei Alleinstehende haben ihr gesamtes Hab und Gut verloren, aber auch persönliche Sachen“, berichtet Bürgermeister Thomas Tschapeller. Die Anteilnahme im Ort sei groß, so der Gemeindechef. „Die Familien sind derzeit bei Bekannten untergebracht, Ersatzwohnungen wurden jedoch bereits in Aussicht gestellt. „ Nun überlegt man Möglichkeiten, zu helfen.“

Die Katastrophe hatte am Montagabend ab 18.30 Uhr ihren Verlauf genommen, als nach Niederschlägen ein Hang in Bewegung geraten war. Ein rund 70 Kubikmeter großer Fels hatte sich aus einer steilen Böschung gelöst und drückte gegen die nördliche Mauer des erst zwei Jahre alten Mehrparteiengebäudes.

Die Mieter wurden von Feuerwehrleuten evakuiert und in Notquartieren untergebracht. Dramatische Szenen spielten sich ab. „Eine Frau mit Kind, die vom Hausmeister aufgrund des versperrten Ausgangs aus dem ersten Stockwerk ins Freie gebracht werden musste, erlitt einen Schock und musste ins Bezirkskrankenhaus Lienz gebracht werden“, erzählt Peter Riesslegger von der Freiwilligen Feuerwehr Iselsberg. Eine weitere Frau befand sich gerade im Urlaub, als das Unglück passierte. Die unter dem Haus verlaufende Straße wurde für den Verkehr gesperrt und eine Umleitung für PKW eingerichtet.

Die Lage spitzte sich in der Nacht weiter zu und zeigte, wie wichtig die rasche Evakuierung war. Um 3.05 Uhr in der Nacht auf Dienstag stürzte ein Teil der Hausaußenmauer ein. Möbel wie Spielzeug wurden ins Freie katapultiert.

Straße einspurig befahrbar

Bei Tagesbeginn wurden weitere Schritte eingeleitet. Bezirkshauptfrau Olga Reisner dankte den Blaulichtorganisationen, insbesondere den Feuerwehren, die rund um die Uhr im Einsatz waren. Nach einer Begutachtung am Vormittag war es traurige Gewissheit: Statiker entschieden, dass ein Abbruch des Hauses unausweichlich ist. Rasches Handeln war angesagt. Einige Bewohner holten auf eigene Gefahr noch die wichtigsten Habseligkeiten aus dem Heim.

Ein Abbruchbagger fuhr auf und begann Dienstagmittag mit dem Abtragen des Gebäudes. Mauern fielen, Möbelstücke stürzten aus den oberen Geschoßen zu Boden, der Greifarm des Baggers holte einen Wäscheständer, auf dem noch Kleider hingen, aus einem Zimmer hervor.

Tränen hatten bei diesem Anblick nicht nur Bewohner, sondern auch Helfer, Passanten und Schaulustige in den Augen. Kalt ließ diese Situation wohl keinen der Anwesenden. Ob die Versicherung zahlt, ist noch nicht geklärt.

Der Hang hat sich beruhigt. Vermessungen ergaben, dass es keine Bewegung mehr gibt. Nach dem Abbruch des Baus soll die Straße am Dienstagabend einspurig für den Verkehr freigegeben werden.

Hopfgarten: Vorerst keine Entwarnung

Auch bezüglich der Felsabbrüche südlich von Hopfgarten in Defereggen gibt es noch keine Entwarnung. „Ein Erkundungsflug durch Landesgeologen Werner Thöny hat eine Vergrößerung weit durchgreifender Risse im steilen Felsgelände erkennen lassen“, so der Bericht des Landes. Der Hang bleibt daher unter Beobachtung.

Entwarnung für Kaunertalstraße

Nach einem Lokalaugenschein mittels Hubschrauber konnte Landesgeologe Gunther Heißel am Montag für den Bereich der Kaunertalstraße bei Feichten Entwarnung geben. Der im Raum Ried im Oberinntal in Bewegung geratene Hang wird laut Aussendung des Landes hingegen weiterhin als kritisch eingestuft und bleibt daher unter Beobachtung.

Heute Früh sind die Landesgeologen Petra Nittel und Gunther Heißel in Vent. Dort musste die Straße Zwieselstein-Vent über Nacht nach Felsabbrüchen total gesperrt werden. Die Aufräumarbeiten dauern noch an.

Mure in Untertilliach sorgte für Straßensperre und Stromausfall

Am Montagvormittag geriet im Gemeindegebiet von Untertilliach, Ortsteil Aue-Bichl-Winkl, ein Hang in Bewegung. Aufgrund der massiven Niederschläge lockerte sich das Erdreich und eine gewaltige Mure donnerte talwärts. Ein Augenzeuge, der sich mit seinem Fahrzeug in unmittelbarer Nähe befand, kam mit dem Schrecken davon.

„Die Bundesstraße wurde um 11.30 Uhr auf einer Länge von rund 100 Metern verlegt“, berichtet Bürgermeister Robert Mößler nach dem Ereignis. „Das erdige Material riss viel Holz mit sich, ein etwa dreißigjähriger Waldbestand im Ausmaß von fünf bis sechs Ar wurde zerstört. Auch Tiwag-Masten wurden in Mitleidenschaft gezogen.“ Die Stromversorgung war stundenlang unterbrochen. Sachschäden gibt es auch an zwei Gebäuden.

Die Freiwilligen Feuerwehren Untertilliach und Maria Luggau sowie die Gendarmerie waren rasch vor Ort. Nach der Räumung der Straße und der Begehung des Areals mit dem Landesgeologen wurde die Straße am späten Nachmittag wieder für den Verkehr frei gegeben.

Stromausfälle im Zillertal

Laut „Tiwag Netz AG“ waren im Zillertal unter anderem am Penken bei Mayrhofen sechs Stationen betroffen. Eine Ende der Störung war dort vorerst nicht absehbar. Ein weiterer Schwerpunkt der Tiwag-Reparaturarbeiten lag im Osttiroler Gailtal und im oberen Lesachtal in Kärnten. Dort waren rund 1700 Haushalte vorübergehend ohne Strom. (tt.com, chris, func, APA)