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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 22.03.2013

Speedriding

Weißer Rausch in luftiger Höhe

Mit Skiern und speziellen Schirmen bezwingen so genannte Speedrider in rasantem Tempo verschneite Hänge und schroffes Gelände. Auch einige Tiroler üben den Extremsport aus.

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Von Deborah Darnhofer

Innsbruck – Den Boden unter den Füßen zu verlieren, ist für Speedrider ein Muss. Sie fliegen im Tiefschnee, rasen verschneite Berglandschaften hinunter und heben wieder ab. „Speedriden ist Skifahren in 3D. Man erlebt einen Berg völlig neu“, schwärmt der Lienzer Daniel Kofler von seiner Leidenschaft. Speedriding ist eine Extremsportart, nichts für schwache Nerven.

Mit einem speziellen Schirm – ähnlich einem Gleit­schirm, aber kleiner, wendiger und damit wesentlich dynamischer – sowie Skiern bewältigen die Sportler das alpine Gelände mit Geschwindigkeiten von bis zu 100 km/h. „Es ist ein starkes Gefühl von Freiheit. Hinzu kommen die Geschwindigkeit und das knappe Fliegen über das Gelände“, erklärt Birgit Standhartinger die Faszination ihres Sports. Die 29-jährige gebürtige Linzerin lebt in Tirol und ist eine der wenigen weiblichen Speedrider. Die Bodennähe sorgt für einen Adrenalinkick, ist aber auch sehr gefährlich. Ein Sicherheitssystem ist nicht vorhanden: „Man hat keinen Rettungsschirm im Normalfall, weil wir zu nah am Gelände sind. Der Spielraum ist sehr klein, innerhalb kürzester Zeit muss man reagieren“, klärt der 26-jährige Dominik Gstir auf.

Immer wieder kommt es zu Unfällen mit tödlichem Ausgang. Einer Studie der Deutschen Sporthochschule Köln zufolge weltweit etwa zwei-, dreimal pro Jahr. Standhartinger hat bereits zwei Freunde verloren. „Das bringt einen zum Nachdenken.“ Doch der Sport lasse sie nicht los.

2004/2005 in Frankreich erstmals aufgekommen, üben heute etwa 600 Menschen weltweit Speedriding aus. In Österreich dürften es nach Schätzungen rund 50 sein. Das ganze Jahr über können – ähnlich wie beim Paragleiten – Berge und Hänge mit den kleineren Speedriding-Segeln bezwungen werden. Abwechselndes Fahren und Fliegen („Touch-and-go“), schnelle Landemanöver („Swoopen“) sowie Loopings und Rollen machen den Reiz aus.

Gestartet werden kann auch zu Fuß, ohne Skier, dann spricht man vom Speedflying, so wird der Sport auch disziplinübergreifend genannt.

Der Boom der letzten Jahre ist wieder abgeflaut, meint Florian Pankarter. Er betreibt eine Speedriding-Schule bei München und war Präsident des Speedflying-Verbandes, ehe sich dieser aufgelöst hat. Es sei ein Sport von Individualisten. „Unter den Flugsportlern gelten wir als Exzentriker“, ergänzt Dominik Gstir.

Nötig seien nicht nur sehr gute Geländekenntnisse und ausgereiftes technisches Können, sondern auch ständiges Training und gute Selbsteinschätzung. Wie aus der deutschen Studie hervorgeht, passieren zahlreiche Unfälle aufgrund von Überschätzung und Unachtsamkeit.

„Sehr viele sind zu blauäugig. Sie meinen, es ist kinderleicht, doch das stimmt so nicht“, betont Florian Pankarter. Die sportliche Herausforderung für ihn stellt das Beherrschen des Schirms und gleichzeitig das Abfahren im Schnee dar. Auf diese Weise kann auch bisher unberührtes Gelände erschlossen werden. „Hänge, die vorher noch nie jemand heruntergefahren ist, können wir bewältigen. Steht uns ein 200, 300 Meter großer Felsen im Weg, fliegen wir einfach drüber, um später wieder zu landen und im Tiefschnee zu fahren“, erzählt Gstir. In Tirol sind die Stubaier Alpen und auch das Pitz- sowie Ötztal beliebte Treffpunkte. Die rechtliche Situation ist allerdings schwierig. In der Nähe von Lifttrassen darf aus Sicherheitsgründen ohne Sondergenehmigung nicht geflogen werden. Gesetzlich fällt Speedflying unter den Gleitschirm-Sport. Doch dieser hat eine bestimmte Lufthöhe vorgesehen, die mit der Praxis der Extremsportart nicht wirklich vereinbar ist. Die Sportler fliegen schließlich oft nur wenige Zentimeter über dem Boden.

Mit Tourenskiern oder zu Fuß in freies Gelände lautet deshalb die Devise, um die Berge wenig später im Geschwindigkeitsrausch wieder hinter sich zu lassen.

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