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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 20.03.2013

Zeitreise in die Welt der Uhren

Sommerzeit bedeutet für den Innsbrucker Uhrmachermeister Philipp Schmollgruber, in seinem Geschäft rund 200 Uhren umzustellen. Routine – und doch wieder nicht. Denn viele der antiken Zeitmesser ticken etwas anders.

Von Stefanie Kammerlander

Mit einem leichten „Plopp“ offenbart die Taschenuhr aus dem 18. Jahrhundert ihre inneren Werte. Die Rückseite des Uhrwerkes, die im Normalfall ja nie zu sehen ist, zeigt sich von ihrer edelsten Seite, feinst verziert, mit Edelsteinen besetzt – ein prächtiges Handwerkszeugnis dieser Zeit. Uhrmachermeister Philipp Schmollgruber (39) legt die Uhr wieder sorgfältig zurück, ein zufriedenes Lächeln huscht über sein Gesicht: „Es ist immer wieder faszinierend, wie präzise die alten Werke funktionieren.“

Philipp Schmollgruber hat die Liebe zum Uhrmacherhandwerk sprichwörtlich in die Wiege gelegt bekommen. Als jüngstes von vier Geschwistern wusste er sehr früh, dass er die Familien-tradition fortsetzen will. So wie sein Vater. Die Schmollgrubers sind Uhrmacher in der dritten Generation. Das Geschäft der Großeltern im oberösterreichischen Ried war eine Hochburg der Uhrmacherlehrlinge. Und sechs der zwölf eigenen Kinder lernten ebenfalls das Handwerk eines Goldschmiedes oder Uhrmachers oder beides.

„Ich bin sehr glücklich, dass ich am Morgen keinen Computer einschalten muss“, erzählt Philipp Schmollgruber. Die Werkstätte, das Museum, das Geschäft in Innsbruck bezeichnet er als „kleine Insel“. Aus gutem Grund. Ausgerechnet hier scheint die Zeit ein bisschen stillzustehen, „aber trotzdem hat der Tag nur 24 Stunden“, lacht Schmollgruber. In unregelmäßigen Abständen melden sich verschiedenste Uhren-Schlagwerke – dunkel, weich, hell, in allen möglichen Tonarten. Hier im Geschäft merke er das gar nicht mehr. Zuhause will Schmollgruber allerdings keine Uhr hören.

„Mit dieser Uhr hat sich mein Vater über ein halbes Jahr beschäftigt“, zeigt er auf eine antike Standuhr mit Quecksilber-Gewichten. Jetzt ist sie so eingestellt, dass sie nur einmal pro Woche aufgezogen werden muss und nur eine maximale Abweichung von einer Sekunde hat.

Geduld ist eben Voraussetzung für diesen Beruf. „Wie in jedem Beruf gibt es auch hier Momente, die die Geduld unglaublich fordern“, sagt der Innsbrucker Uhrmacher. In Fällen, bei denen Verzahnungen so dicht sind, dass der Fehler trotz Mikroskop-Hilfe nicht oder nur schwer zu erkennen ist, beneidet er Goldschmiede. „Wenn ihr Werk fertig ist, ist es fertig. Bei uns muss es funktionieren.“ Dabei spielt es keine Rolle, ob die Uhr schon viele Jahre auf dem Buckel hat oder fast neu ist. „Trotz besten Wissens kann das passieren.“

Jede der Uhren älteren Datums hat eine Geschichte. Hier die winzige französische Armbanduhr mit Originalschatulle aus den 20er-Jahren – welche Dame sie wohl bei Abendempfängen getragen hat? Dort das Biedermeier-Metallbild mit einer Uhr, die sogar zwei Melodien zur vollen Stunde auf Lager hat. Bezaubernd auch die Empire-Kaminuhr mit Brunnen, die mit dem fließenden Wasser eine Einmaligkeit ausstrahlt. „Leider werden solche edlen Stücke immer seltener“, sagt Schmollgruber.

Eine kreative Idee, Alt und Jung zu verbinden, setzt Phi- lipp Schmollgruber seit Jahren­ um. Er zerlegt alte Uhrwerke, restauriert sie und baut sie wieder neu zusammen. Da wird mit gröberen Werkzeugen wie etwa einem Schweißbrenner hantiert. Es ist die technische Linie – die „naked“-Uhren zeigen ihre­ Rädchen, Gewichte und Verzahnungen ohne jeden Schnörkel.

„Ich möchte meine Uhr schon heute umstellen“, wünscht ein Kunde mit Armbanduhr, der damit die Gegenwart wieder ins Gedächtnis ruft. Ach ja, die Umstellung auf die Somerzeit. „Seit gut 20 Jahren hat sich das Kundenverhalten nicht geändert“, sagt Schmollgruber. In der kommenden Woche werden Kunden ihre komplizierten Uhren gleich vom Fachmann umstellen lassen. Die genaue Zeit wird von der Funkuhr genommen. Sie hängt über der Tür, sendet die permanenten Signale. „Aber wehe, sie erhält ein falsches Signal, dann macht sie, was sie will. Und ich muss tatenlos zuschauen“, lacht der Uhrmacher.