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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 18.04.2013

Luftraumpatrouille im eigenen Garten

Drohnen kennt man meist als fliegende Späher bei militärischen Einsätzen. Doch seitdem jeder kleine Varianten davon kaufen kann, schwirren sie immer öfter durch Tirol. Die Kritik daran wächst allerdings.

Von Judith Sam

Wenn bisher die Rede von Drohnen im Garten war, bezog sich das meist auf männliche Honigbienen. Doch zum Schrecken von so manchem Freizeit-Paranoiker halten immer öfter kleine Fluggeräte – die ebenso als Drohnen bezeichnet werden – in den Gärten Einzug. Im Luftraum der Gärten, um exakt zu sein.

„Für 300 Euro kann heute jeder im Elektromarkt seine eigene Drohne erstehen“, weiß Raoul Fortner von der Austrian Aeronautics Industries Group. Er befasst sich vor allem mit dem juristischen Aspekt hinter den futuristisch anmutenden Fliegern. „Derzeit sind Drohnen im österreichischen Luftfahrtgesetz nicht vorgesehen. Doch im Sommer soll eine Novelle im Parlament bearbeitet werden, die die wichtigsten rechtlichen Eckpunkte absteckt. EU-weit soll diese Regelung bis spätestens 2016 bestehen.“

So ist etwa derzeit nicht klar, wer für entstandene Schäden haftet: „Ob die Haushaltsversicherung aufkommt, wenn man mit seiner Drohne z. B. einen Paragleiter vom Himmel pflückt, ist doch sehr fraglich.“ Im Moment gebe es nur die vage Regelung, dass die billigen „Mini-Helikopter“ für jedermann meist in den Modellflugbereich fallen: „Außer sie sind mit einer Kamera ausgestattet, dann gelten sie als Luftfahrzeug.“

Die kleinen Robo-Flieger vom Elektromarkt kann man mit dem Handy navigieren und sieht zeitgleich, was die installierten Kameras hoch in der Luft aufzeichnen. „Damit sind wir schon beim Problem: Den meisten Nutzern ist der ‚rechtliche Rattenschwanz‘, den so ein Drohnen-Einsatz nach sich ziehen kann, gar nicht bewusst. Denn mit dieser Technik kann jeder in Nachbars Garten spähen. Da gibt es sofort datenschutzrechtliche Probleme.“ Um dem vorzubeugen, müsse man eine Art Drohnen-Kennzeichnungspflicht einführen. Wie diese aussehen könnte, ist jedoch noch unklar.

Eine exakte rechtliche Regelung ist laut Fortner auch wegen eines zweiten Problems dringend notwendig: „Die besagten Drohnen, die privat genutzt werden, sind für den Flugverkehr meist kein Problem. Denn sie können ohnehin nicht höher als 150 Meter steigen.“ Anders sehe es mit professionelleren und damit teureren Geräten aus, die etwa zur Geodatenerfassung verwendet werden: „Stellen Sie sich vor, was passiert, wenn ein Flugzeug im engen Tiroler Inntal zur Landung ansetzt und plötzlich eine Drohne vorbeischwirrt.“

Diese Dinge müssten geklärt werden, denn die Drohnen-Evolution und damit auch deren Anzahl im Luftraum schreitet rasch voran. Laut Karl Kleemayr vom Bundesforschungszentrum für Wald werden auch in Tirol bereits einige dieser „fliegenden Wachhunde“ eingesetzt: „Man erfasst damit unterschiedlichste Geodaten, inspiziert gefahrlos Lawinenkegel oder unwegsames Gelände, an dem Muren abgehen könnten. Außerdem kann man kostengünstig prüfen, ob der heimische Wald krankt und etwa von Borkenkäfern befallen ist.“ Drohnen sind ebenfalls eine elegante Variante, um kostengünstig randalierende Fußballfans im Auge zu behalten, Pipelines und Öko-Reservate zu überwachen oder Wildtiere zu beobachten. In einem indischen Nationalpark schwirren etwa Drohnen über Panzernashörnern her, um diese vor Wilderern zu schützen. Doch die Drohnen-Euphorie kann bizarre Ausmaße annehmen: In Amerika tüfteln etwa erste Lokale an einer Variante, um mittels Drohnen Pizzen auszuliefern – Mahlzeit!

Kein Wunder, dass Marktforscher von einem Milliarden-Markt für zivile Drohnen allein in Europa sprechen. Hand in Hand geht damit die immer länger werdende Liste der Hochschulen einher, die an Projekten zur Verbesserung oder Anwendung der Robo-Flieger tüfteln. An der ETH Zürich lernen Drohnen derzeit etwa das automatische Fliegen in Schwärmen.

An der FH Joanneum in Graz tüftelt eine „Legion von Studenten“ an neuen Möglichkeiten, Drohnen einzusetzen, um vermisste Personen zu finden. Bruno Wiesler, Studiengangsleiter des Bereichs Luftfahrt, betreut das Projekt: „Man unterscheidet zwei Klassen von Drohnen. Die einen kann man nur mit Sichtverbindung navigieren, die anderen auch ohne.“ Seine Studenten arbeiten an mehreren Projekten, die keinen direkten Sichtkontakt benötigen: „Die Drohnen sind GPS-unterstützt, mit Lawinensuchgeräten und Wärmebildkameras ausgerüstet und können so problemlos ein Gebiet absuchen.“ Dank Solarzellen soll ein solcher Drohnen-Flug weit billiger als ein Hubschraubereinsatz sein, wo neben dem erhöhten Energieverbrauch auch die Besatzung zu finanzieren ist.

„Unsere Drohnen können bis zu 40 Kilometer weit fliegen, die Anschaffungskosten liegen etwa im Bereich eines Kleinwagens und die Piloten am Boden müssen stets mit der Austrocontrol in Verbindung bleiben“, schildert Wiesler weiter. Sich mit der Austrocontrol abzusprechen, sei jedoch auch für weniger professionelle Drohnenpiloten wichtig, denn sie ist verantwortlich für den sicheren Ablauf des Flugverkehrs im österreichischen Luftraum.

Sieht so aus, als habe die Austrocontrol in Zukunft viel zu tun, denn laut Fortner steht die Entwicklung der Drohne heute an der Schwelle, an der Flugzeuge vor 100 Jahren standen. Damals konnte man sich kaum vorstellen, dass jemals Menschen in der Luft reisen würden. Heute ist es (noch) undenkbar, dass eines Tages Hunderte Menschen in einer Drohne befördert werden, wo der Pilot nicht an Bord, sondern am Boden agiert.