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Letztes Update am In House / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe

Fünf Schattierungen von Schwarz

Wie lustig war der Tiroler Wahlkampf für einen Kabarettisten? Markus Koschuh im Gespräch über Politik und Pop, Wahlvideos und seine ganz private Freunderlwirtschaft mit der ÖVP.

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Innsbruck – Viele Interviewanfragen zur Tiroler Wahl und den politischen Verhältnissen hierzulande hat Markus Koschuh in den vergangenen Tagen abgearbeitet, am Sonntag wird der Kabarettist bei Ingrid Thurnher „Im Zentrum“ (ca. 21.55 Uhr, ORF 2) über Ergebnis der Tiroler Wahl mitdiskutieren. Mit seinen beiden Programmen „Agrargemein“ und dem eigens für die Landtagswahl zusammengestellten „Landtagsmahl“ hat Koschuh nicht nur politisches Kabarett geliefert, sondern gerade auch bei dem sperrigen Agarthema unterhaltsame Aufklärungsarbeit geleistet. Ein Gespräch mit dem Tiroler Kabarettisten über den Humor im Wahlkampf und warum er trotzdem lacht.

Wie spaßig ist die Wahl aus der Sicht des Kabarettisten?

Markus Koschuh: Manchmal bleibt einem schon das Lachen im Hals stecken, aber es kann auch durchaus erheiternd sein. Wenn etwa Chaos-Prognosen getroffen werden, wo doch bei einer Partei längst das Chaos ausgebrochen ist. Sprich ÖVP, die mittlerweile in fünf Schattierungen auf dem Wahlzettel steht. Von ÖVP über Vorwärts Tirol, Liste Fritz, Gurgiser & Team bis Für Tirol. Das Chaos ist also schon bei einer Partei recht gut auszumachen.

Für das Kabarett-Programm „Landtagsmahl“ haben Sie sich intensiv mit dem Tiroler Wahlkampf auseinandergesetzt. Was waren Ihre Highlights?

Markus Koschuh: Man hat es recht gut geschafft ein paar Themen wie in einem Druckkochtopf zu verpacken um kein Thema wirklich hochkochen zu lassen, bis auf das Agrargemeinschaftsthema. Wohnen ist natürlich immer ein Dauerthema und da reden alle Parteien davon, dass sie schon längst die besten Rezepte im Talon haben. Seit dreißig Jahren hören die Leute jetzt das Gleiche und das ist nicht mehr lustig, sondern traurig, dass man da keine Hebel finden will, um etwas zu ändern. Die Hebel würde es nämlich eigentlich geben.

Klingt nach harter Arbeit und weniger nach Spaß?

Koschuh: Bei manchen Parteien empfiehlt sich davor einen Magenschutz einzuwerfen, das muss man zugeben, bei anderen greift man sich auf den Kopf, wie man denn nur so stupide in den Wahlkampf starten kann. Also es bereitet mehr Kopfweh. Letzten Endes ist es dann aber doch ein rundes Ganzes und man kann danach auch selber drüber lachen.

Die Tiroler Wahl wird österreichweit mit großem Interesse verfolgt. Was war für Sie besonders spannend?

Koschuh: Die Vorgänge um die Liste Stronach sind bereits Kabarett für sich, da muss man wieder reduzieren, weil das so überspitzt ist. Andererseits auch die Vorgänge beim Wahlparteitag der ÖVP, wo von geheimer Wahl keine Rede mehr war, nur damit man ein möglichst hohes Ergebnis erreicht. Also da sind schon Stilblüten passiert, die man gar nicht mehr überspitzen muss, die auf ewig Gültigkeit haben in der Kabarettlandschaft.

Im US-Wahlkampf zählten Videospots zu den wichtigsten Wahlkampfwaffen. In „Landtagsmahl“ haben ja auch paar Tiroler Wahl-Videoclips Eingang gefunden. Was gibt es da - abgesehen vielleicht vom Liste Fritz „Wahlkabinespot“ - zu entdecken?

Koschuh: Da finden sich durchaus tolle Schmankerln. Jeder Mittelschüler macht aus dem Stand raus bessere Videos als die meisten Parteien. Die ÖVP hat eines gelernt aus dem letzten Wahlkampf, denn das Toni Mattle Video ist uns glaub ich allen noch in Erinnerung. Das war damals echt eine Lachnummer, sowas machen sie jetzt nicht mehr. Dieses Mal haben die Grünen versucht mit einem Animationsfilm das Kindchenschema neu zu definieren, sie wollen das Wahlalter auf vier Jahre senken. Das ist also ein sehr, sehr lieber Wahlkampfspot. Die SPÖ ist relativ farblos mit Videos, da haben sich sicher einige den Kopf zerbrochen, aber nicht wirklich Hirnschmalz eingesetzt.

Im Wahlkampf sind auch sehr viele unterhaltsame Karikaturen und Persiflagen aufgetaucht, ganz im Sinne des von dem US-Medientheoretiker Henry Jenkins 2006 definierten Begriffs „Photoshop for Democracy“. Damit meint er die neue Verbindung von Politik und Popkultur, die in der visuellen Aneignung und kreativen Bearbeitung von Wahlplakaten und Spots ihren Ausdruck findet. Macht diese Vielfalt den Kabarettisten arbeitslos?

Koschuh: Ich bin um alles dankbar, weil das macht das Ganze nur bunter. Ich kann gut verstehen, wenn es andere juckt zu basteln, sei es an Plakaten oder Spots. Und ich bin ja nicht der Einzige, der politisch um mehr als ein Eck denkt. Das machen andere auch und grafisch sind da wirklich sehr, sehr tolle Persiflagen dabei. Karikaturen wecken auf jeden Fall wieder das Interesse an Politik genauso wie dies das politische Kabarett tun kann. Würde ich nicht daran glauben, würde ich es nicht machen.

Meine Mission ist es, die Leute wieder für politische Themen zu interessieren und das vermögen Karikaturen ebenso gut.

Mit „Agrargemein“ haben Sie Aufklärungsarbeit zu einem sperrigen Thema geleistet aber sich gleichzeitig auch Beschimpfungen und wüste Drohungen eingehandelt. Was waren die positivsten Reaktionen?

Koschuh: Ich habe viele Mails bekommen, in denen Leute geschrieben haben, dass sie extrem wütend sind. Nicht auf mich sondern auf die Zustände in Tirol und sie haben gefragt, was sie tun können. Da kann man auch Ratschläge erteilen wie z.B. einen Leserbrief schreiben, mit einem zuständigen Politiker sprechen oder das Thema im Bekanntenkreis diskutieren. Der positive Zuspruch war sicher überwiegend. Die paar negativen Ausreißer wie Zensur seitens ÖVP-Bürgermeister Köll in Matrei in Osttirol oder eben Morddrohungen waren in der Minderheit. In Summe hat das Positive überwiegt und das freut mich natürlich doppelt.

Was wäre ein Wahlwunschergebnis aus der Sicht des Kabarettisten? Etwas das Stoff für ein neues Programm gibt oder eines mit dem man persönlich zufrieden ist?

Koschuh: In erster Linie wünsche ich mir, dass möglichst viele Leute zur Wahl gehen, damit sie sich dann nicht über was aufregen können, was sie nicht gewählt haben. Zweitens täte dem Land ein Richtungswechsel gut, weil die ÖVP sich festgefahren hat. Ich bin eigentlich ein guter Freund der ÖVP und ein guter Freund sagt dem anderen, wenn er Sachen falsch macht und lässt ihn einmal nachdenken. Und fünf Jahre nachdenken hat noch keiner Partei geschadet, um sich wieder auf ihre Grundwerte zu besinnen und nicht mehr in Penthouse-Wohnungen, Jagdeinladungen und Co. zu denken.

Ist es wirklich so schlecht bestellt um Tirol?

Koschuh: Es geht uns wenn man die Zahlen anschaut auf den ersten Blick recht gut, aber wir haben einen Sozialmarkt in Innsbruck, der schon weit mehr als 1000 Bezugsberechtigte hat, eine Kleiderausgabestelle, die sich nicht mehr von dem Ansturm retten kann. Wenn man mit den Leuten redet, merkt man, es kracht an allen Ecken und Enden und es ist nicht so gut wie es vielleicht scheint.

Wer sollte Tirol nach der Wahl regieren?

Koschuh: Vernünftige Leute, die unbeeindruckt von diversen Seilschaften und Freundschaften für die Leute in dem Land arbeiten und das Beste für sie wollen. Und das heißt nicht nur Tirolerinnen und Tiroler, sondern auch Leute, die hierher gekommen sind. Wer das ist, ist mir dann schon wieder fast wurscht.

Und wenn Markus Koschuh König von Tirol wäre, was würde er als erstes machen?

Koschuh: Gar nichts. Ich halte nichts von Monarchien.

Das Gespräch führte Silvana Resch.

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