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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 16.05.2013

Was der Marder liest und frisst

Der Stechapfel im Fleisch der Kunst und der Gesellschaft: Das Ferdinandeum widmet dem Feldarbeiter Lois Weinberger eine großartig bestückte Retrospektive.

Von Ivona Jelcic

Innsbruck – „Der Verschönerungsverein lebt“ heißt die Außeninstallation auf dem Balkon des Ferdinandeums. Lois Weinberger hat ihr diesen Titel spontan beim Presse­rundgang am Donnerstagvormittag verliehen. Und damit jene Ironie aufblitzen lassen, die vielen seiner Arbeiten innewohnt. Denn den optischen Ansprüchen eines Verschönerungsvereins dürften die mit Erde gefüllten gelben Eimer, wie man sie von Baustellen her kennt, wohl eher nicht genügen. Dafür sind sie umso spannender: Was aus ihnen wächst, bestimmt allein die Natur, die in Weinbergers Œuvre eine so zentrale Rolle einnimmt.

Allerdings nicht in einem romantischen Sinne, als Ideal oder als Zufluchtsort. Vielmehr sind es die Randzonen, an denen Natur und Zivilisationsraum aufeinandertreffen, die Weinberger seit Jahrzehnten künstlerisch durchpflügt. Legendär ist sein Beitrag zur documenta X in Kassel, bei der er ein Bahngleis mit Ruderalpflanzen bepflanzte, polemisch diskutiert wurde sein 1999 als Kunst-am-Bau-Projekt vor der Innsbrucker SoWi geschaffener „Garten – eine poetische Feldarbeit“. Pflanzen, besonders solche, die gemeinhin als Unkraut gelten, sind für Weinberger auch gesellschaftliche Metaphern – für Migrationsprozesse, Ausgrenzung, Vergänglichkeit oder auch Widerständigkeit gegen die menschliche Ordnung.

Es ist also nicht weiter überraschend, dass die Natur nun auch das Ferdinandeum in Besitz nimmt, Baumschwämme aus den Wänden wachsen, Stechapfelsamen seltsame Gesichter ziehen („Plant which makes faces“, 2005) und angeschwemmte Nagestücke von Bibern als in Alu gegossene Skulpturen auf die Selbstbestimmtheit der Natur pochen.

Weinbergers Wunsch war es, im Ferdinandeum vor allem Arbeiten zu zeigen, die bisher noch nie in Tirol zu sehen waren. Rund fünfzig versammelt die Schau, bei deren Konzeption er nur „Begleitmusik“ gewesen sei, so Kurator Günther Dankl. Der retrospektive Blick reicht von der Gegenwart bis in die 1970er Jahre, in denen Weinberger den erlernten Schlosserberuf aufgibt und – zunächst ohne konkret künstlerische Absicht – beginnt, das Umfeld des elterlichen Bauernhofs in Stams zu erforschen. Die Äcker seines Vaters, fragmentarisch festgehalten in einer Tuschzeichnung aus dem Jahr 2004, sollen prägend bleiben, der Radius erweitert sich: bis in Weinbergers „Gebiet“ am Stadtrand von Wien, schließlich in sein heutiges Atelier in Gars am Kamp.

Dessen Umfeld wiederum das Material für aktuelle Arbeiten ausspuckt bzw. -scheidet. Die von ihm im Atelier-Gebiet vorgefundenen Exkremente von Tieren wie Fischotter, Wasseramsel, Bisamratte oder Steinmarder wäscht Weinberger aus und ordnet sie zu in ihrer formalen Schlichtheit betörenden und zugleich wissenschaftlich anmutenden Collagen. Die ihrerseits einiges über Mensch und Natur erzählen, etwa wenn in der Losung eines Steinmarders winzige Zeitungsfetzen auftauchen, auf denen sich noch Gedrucktes entziffern lässt. „Ich beobachte, aber ich ändere nichts“, sagt Weinberger, der sich absolut nicht in die Nähe von Ökologie-Bewegungen gerückt sehen will, sondern genauso präzise wie poetische Analysen vornimmt. Vielfach zusammen mit Ehefrau Franziska, die gemeinsame Handschrift trug etwa auch der Beitrag für die Venedig-Biennale 2009.

Dass Weinberger auch ein genialer Spieler mit Sprache ist, zeigen seine kartographische Sprachbilder, in denen sich assoziative Textfragmente in eine entleerte, nur noch von Höhen und Tiefen bestimmte Landkarte ergießen.

Bis 27. Oktober. An diesem Sonntag, 11 Uhr, führen Lois und Franziska Weinberger durch die Ausstellung.