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Mount Everest

Seit 60 Jahren lockt der Everest

Heute vor 60 Jahren standen die ersten Menschen am Mount Everest. Seitdem hat der höchste Berg der Welt eine wechselvolle Geschichte erlebt – und Tiroler mischen auf 8850 Metern Höhe immer mit.

Von Irene Rapp

Innsbruck – Auf 5300 Metern Höhe liegt der Sauerstoffgehalt in der Luft bei 52 Prozent. „Man atmet schneller“, beschreibt Ao. Univ.-Prof. Erich Gnaiger von der Medizinischen Universität Innsbruck, wie es ihm im Basislager am Everest ergangen ist. „Man wird langsamer“, ergänzt seine Mitarbeiterin Verena Laner (Oroboros Instruments). Ein internationales Forschungsprojekt – die „Xtreme Everest 2 Expedition“ – hatte die beiden im März zum höchsten Berg der Welt geführt. Das Ziel: herauszufinden, warum die Sherpas besser an die „dünne“ Luft in solchen Höhen angepasst sind.

Dabei wurden von den Tirolern an Sherpas und Briten mittels Muskelbiopsien Untersuchungen zur mitochondrialen Funktion durchgeführt. „Bei den Mitochondrien handelt es sich um die Energiekraftwerke der Zellen und somit des ganzen Organismus. Denn sie sind für die Zellatmung zuständig – einen komplexen biochemischen Prozess, bei dem u. a. Wärme und chemische Energie entstehen“, erklärt Gnaiger.

Die Untersuchungen wurden mit einem von Gnaiger – bzw. seiner Firma Oroboros Instruments – entwickelten Gerät, dem Oxygraph-2k, durchgeführt. Und das in einer Höhe von 5300 Metern, also unter keineswegs idealen Bedingungen. „Doch alles ging gut“, freut sich Gnaiger, dass die bisher weltweit erstmals in derartiger Höhe durchgeführte Untersuchung einwandfrei verlief. Noch sind die Daten nicht ausgewertet. Eines kann aber schon gesagt werden: Die Annahme, dass die Sherpas möglicherweise über mehr Energiekraftwerke in den Zellen verfügen, hat sich nicht bestätigt. „Sherpas haben nicht mehr Mitochondrien. Sie müssen sich an die Höhe anders angepasst haben“, so Gnaiger.

Letztendlich soll das Projekt auch Erkenntnisse für die medizinische Forschung liefern. „Sauerstoffmangel herrscht ja nicht nur am Everest, sondern etwa auch während der Narkose“, sagt Gnaiger. Und dann sei es wichtig zu wissen, wie die Mitochondrien unter derartigen Bedingungen noch arbeiten oder sich von dem Stress erholen können.

Der Berg zum Verdienen

Ende April kam es am Everest zu einer Auseinandersetzung, die weltweit für Schlagzeilen sorgte. „Streitereien zwischen den Sherpas hat es immer gegeben, auch unter den Bergsteigern. Aber noch nie etwas in der Art“, erzählt Josef Einwaller (65), der am 26. Mai 2012 am höchsten Berg der Welt stand und schon viele Male am Everest bzw. im Himalaya unterwegs war.

Ende April wurden die bekannten Alpinisten Ueli Steck aus der Schweiz und der Italiener Simone Moro im Lager 2 von Sherpas angegriffen, Steine flogen durch die Luft. Im Vorfeld sollen die Europäer die Sherpas bei Seilversicherungsarbeiten gestört haben, auch Schimpfworte fielen. Zweiteres wurde von den Europäern zugegeben, Ersteres soll nicht der Fall gewesen sein. „Ich habe 2012 Steck und Moro kennen gelernt. Beide sind tolle Alpinisten. Aber alle wollen am Everest Geld verdienen“, sagt Einwaller. Bergsteiger aus aller Welt drängen auf den Everest. Weil es der höchste Berg mit „the best view“ ist – der besten Aussicht –, wie es der Innsbrucker im Basislager oft zu hören bekommen hat. „Und weil er ein leichter Achttausender ist“, sagt Einwaller.

Von dieser Lust profitieren viele: Nepal, das 10.000 Dollar pro Permit verlangt. Die kommerziellen Anbieter, die die zum Teil wenig Bergerfahrenen auf den Gipfel bringen wollen. Die Sherpas, die den Everest mit Seilen versehen, welche ständig erneuert werden müssen. Dazu kommen Profi-Alpinisten, die Sponsoren verpflichtet sind.

Die Schlägerei hat für Einwaller, der im Vorjahr mit zwei Sherpa-Freunden am Gipfel stand, aber vor allem einen Grund. „Die Sherpas haben an Selbstbewusstsein dazugewonnen.“ Seit der Erstbesteigung des Everest 1953 sollen rund 4000 Menschen auf dem Gipfel gestanden sein. „Und es werden immer noch mehr“, ist sich Einwaller sicher. Dass Nepal die Preise für die Permits erhöht, um den Zustrom einzudämmen, glaubt er allerdings nicht. „Nepal hat andere Probleme, als sich um die Eitelkeiten der Bergsteiger zu kümmern.“