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„Bienenboom“

Honigbienen bringen immer mehr Tiroler zum Schwärmen

Egal ob Stadt, Land, Balkon, Politik, Werbung oder Internet: Bienen schwirren derzeit durch sämtliche Gefilde. Das Interesse kommt für die Tiroler Honigbiene gerade rechtzeitig.

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Imst – „Eigentlich können wir dem Minister Berlakovich dankbar sein“, scherzt Meinrad Falkeis, Obmann vom Bienenzuchtverein "Dunkle Biene Tirol". Schließlich war das öffentliche Interesse an Bienen noch nie so groß und - wohl noch viel wichtiger - immer mehr Konsumenten sind bereit ihre Gewohnheiten zu ändern, wie z.B. Honig aus regionaler Produktion zu kaufen oder im eigenen Garten auf schädliche Pflanzenschutzmittel zu verzichten.

Die kleinstrukturierte Tiroler Landwirtschaft ist für die Bienen dabei ein Riesenvorteil. „Punktuell macht der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auch hierzulande Probleme. Wir haben aber nicht die Riesenprobleme wie große Ackerbaugebiete, wo Neonicotinoide in großen Mengen ausgebracht werden und die Bienen überhaupt keine Chancen haben auszuweichen“, erklärt Martin Ennemoser von der Imkerschule in Imst.

Doch abgesehen von Pestiziden gibt es eine Vielzahl weiterer Gründe warum „die Biene auch in Tirol nicht mehr so stabil ist wie noch vor zwanzig, dreißig Jahren". Das größte Problem hierzulande sei die Varroamilbe und die einseitige Ernährung, so Ennemoser. "Die Mähzeitpunkte werden immer früher gesetzt, es blüht nicht mehr so vielfältig. Das belastet unsere Bienen.“

Bienen am Balkon

Da kommt der „Bienenboom“, der in den letzten zehn Jahren hierzulande eingesetzt habe, gerade recht. „Unsere Kurse sind voll und das Interesse nimmt auch in der Stadt zu“, erzählt der Imkermeister. Bienenhaltung im urbanen Raum sei nicht nur „modern“, hier treffen die Honigbienen teilweise auch auf bessere Bedingungen als am Land. „In der Stadt hat man mit Spritzmitteln keine Probleme. Die Vielfalt der Blüten ist oft größer, auch wenn man das gar nicht glauben mag. Außerdem kriegt die Biene das ganze Jahr über ein bisschen Nektar.“ Wenn der Nachbar nichts dagegen habe, könnten Bienen sogar am Balkon gehalten werden.

Imker zu sein bedeute aber nicht nur viel Arbeit, es brauche auch entsprechendes Wissen. „Darum bilden wir die Leute hier an der Imkerschule aus. Denn gerade was die Varroamilbe anbelangt, ist entsprechende Schulung nötig. Wenn die Bienen an der Varroa sterben, ziehen diese beim Nachbarn ein und es entsteht eine Art Domino-Effekt. Der Ausfall wird noch größer, ein noch größeres Sterben setzt ein“, führt der Imkermeister aus.

Die derzeit kalten Temperaturen bereiten den Imkern da noch keine allzu großen Sorgen: „Im Moment kann man es noch nicht als Problem bezeichnen, es sei denn die Wetterlage geht noch lange so weiter. Schlimm wäre es allerdings wirklich wenn wir jetzt Frost bekämen“, sagt Ennemoser.

Carnica und Braunelle

Neben der Bienenrasse Carnica, die in Tirol hauptsächlich anzutreffen ist, erlebt derzeit die Tiroler Dunkle Biene, Braunelle genannt, einen regelrechten Aufschwung. In Zusammenarbeit mit dem Naturpark Kaunergrat wurde im Kaunertal ein eigenes Schutzgebiet eingerichtet. „In den vergangenen zwei Jahren hat es nur noch tausend Völker in ganz Österreich gegeben, jetzt sind es rund 1500“, berichtet Meinrad Falkeis, Obmann des Vereins "Dunkle Biene Tirol" und Projektbeauftragter des Naturparks. Die alte Tiroler Rasse wurde durch die ertragreichere Carnica ab 1850 hierzulande verdrängt. Nach „der Rettung in letzter Sekunde“ kann nun die Nachfrage nach Königinnen zur Zucht gar nicht mehr gedeckt werden. „So wie heuer im Frühjahr merkt man dass die Dunkle Biene diese sogenannten Wetterumschwünge besser verkraftet“, sagt Falkeis.

Egal aber ob der Honig von Carnica- oder Dunklen-Bienenvölkern stamme, der Konsument könne sich sicher sein, dass der Tiroler Honig rein ist. Im Gegensatz zu industrialisierter Bienenhaltung z.b. in den USA - wie sie im mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilm „More than Honey“ gezeigt wird - sei die Zufütterung von Antibiotika oder die Behandlung der Bienen mit chemischen Stoffen verboten, erklärt Ennemoser.

Krankheitserreger im Honigglas

Bei ausländischem Honig sei es daher vor allem wichtig, die Gläser gründlich auszuspülen, bevor sie zur Sammelinsel gebracht werden. Insbesondere im Herbst werden die Bienen auf ihrer Nahrungssuche angelockt. „Zum einen können Krankheitserreger im ausländischem Honig stecken, es hat aber auch schon Fälle gegeben, wo Gift in den Sammelbehältern eingesetzt wurde, um die Bienen abzutöten. Das ist eine Katastrophe, einerseits will man die Bienen schützen und dann wird im Glascontainer abgespritzt, weil sich die Leute belästigt fühlen“, klagt Ennemoser, der seit 25 Jahren Imker ist.

Von Blumen und Bienen

„Als Imker nimmt man die Natur ganz anders wahr. Jeden Luftzug, jede Blume aber natürlich auch die Problematiken wie Spritzmittel. Man freut sich über die Sonne und manchmal auch über Regen und setzt das alles immer in Bezug zu seinen Bienen“, kommt der Imker ins Schwärmen.

Ins Schwärmen kommen freilich auch Genießer. Schließlich schmeckt der Tiroler Honig jedes Jahr ein bisschen anders - je nach Blütenvielfalt. Und das besondere Verhältnis von Blumen und Bienen bringt ja die meisten Menschen schon in jungen Jahren zum Staunen.

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