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Unwetter in Tirol

Hochwasser in Tirol: Hoffnung im Unterland nach ruhiger Nacht, Zug am Brenner entgleist

Durch den Dauerregen am Wochenende kam es vor allem in den Bezirken Kitzbühel und Kufstein zu Vermurungen, Hangrutschen und Überschwemmungen. Hunderte Häuser mussten evakuiert werden, Straßen sind gesperrt, Ortsteile überflutet. TT.com hält Sie in einem Live-Ticker auf dem Laufenden.

Kitzbühel, Kufstein – Wasser, wohin das Auge reicht! Kössen scheint in einem See zu versinken. Autos, von denen nur noch die Dächer zu sehen sind, im Ortszentrum erreicht der Wasserstand 1,5 Meter und selbst der Friedhof blieb nicht verschont. „Es ist ein Wahnsinn! So was hat es in Kössen noch nie gegeben“, erklärt eine Kössenerin. Sie steht vor dem Kreisverkehr am Ortseingang, dessen Hügel im Zentrum sich wie eine Insel aus den Fluten erhebt.

Bürgermeister Stefan Mühlberger erinnert sich zwar an große Unwetter in den 50er Jahren, aber damals war Kössen nicht so dicht besiedelt. „Die Schäden waren damals natürlich viel geringer“, weiß er. Wie groß sie diesmal sind, kann er nicht sagen. An Aufräumarbeiten war am Sonntagabend noch nicht zu denken. „Erst gilt es, gegen die Wassermassen zu kämpfen und zu retten, was zu retten ist.“

Nahezu jede Straße gesperrt

Die Verzweiflung ist den Menschen in Kössen aber ins Gesicht geschrieben. „Meine Firma ist 1,5 Meter überschwemmt“, sagt ein Unternehmer, auch sein Auto blieb – wie viele andere auch – nicht verschont. Doch an Autofahren war gestern im Bezirk Kitzbühel ohnehin kaum zu denken, nahezu jede Straße war gesperrt.

Von der Außenwelt abgetrennt sind derzeit auch die Bewohner von St. Ulrich. Die Straße ist vor und nach dem Ort vermurt. „Wie lange die Sperren dauern, können wir nicht abschätzen“, erklärt BM Brigitte Lackner.

Vermurte Straßen, vollgelaufene Keller, drohende Hangrutsche oder im Wasser steckengebliebene Autofahrer ließen die Helfer nicht zur Ruhe kommen. „Eine Nacht, wie ich sie noch nie erlebt habe – und ich bin schon wirklich lange bei der Feuerwehr“, stöhnt Kitzbühels Bezirksfeuerwehrinspektor Hubert Ritter. „Wir haben fast kein Material mehr, um die Sandsäcke zu füllen“, schildert der St. Johanner Feuerwehrkommandant. Er führte mit seinen Männern und mit der Hilfe des Bundesheers einen verzweifelten Kampf gegen die Wassermassen. Die Arbeiten waren erfolgreich: Zwar ist die Fieberbrunner Ache in Richtung Oberhofen über die Ufer getreten, nicht aber die Großache.

Haus droht abzustürzen

Bis zu 34 Feuerwehren mit 850 Mann und 90 Fahrzeugen sind in der Nacht zum Sonntag im Bezirk Kufstein im Einsatz. Bezirksfeuerwehrkommandant Hannes Mayr eilt von einem Katastrophenort zum anderen: „Ich bin gerade an der Brandenberger Ache, wo das Wasser über drei Brücken rinnt.“ Mayr befürchtet bei einem weiteren Anstieg des Pegels, dass die Ache im Kramsacher Ortsteil Vachental ausufern könnte. „Dann schwimmen wieder ein paar Häuser mehr.“

Dramatische Minuten gab es für eine Pensionistin in Kirchbichl. „Sie musste auf die Minute ihr Haus verlassen“, erzählt ihr Sohn Mato Kuence. Das Gebäude steht an der B 171 und droht in den Abgrund zu stürzen. Der Hang unterhalb des Hauses geriet ins Rutschen und riss ein auf dem Nachbargrundstück abgestelltes Fahrzeug in die Tiefe. Daher wurde auch das Nachbarhaus mit drei Familien evakuiert und die B 171 gesperrt. Glück im Unglück haben die Bewohner des Kirchbichler Ortsteils Bruckhäusl: Dort haben sich zwar in der Nacht etliche Muren ihren Weg bis zu den Häusern gesucht, „Gott sei Dank sind aber keine Personen verletzt worden“, berichtet Bürgermeister Herbert Rieder, während er in der Wache der Feuerwehr Bruckhäusl aufmerksam den Pegelstand der Brixentaler Ache beobachtet.

Auch andere Landesteile blieben von Erdrutschen nicht verschont – vor allem im Bezirk Schwaz gingen am Nachmittag noch etliche Muren ab.

Verhaltene Freude gibt es derzeit nur bei den Schülern des Kufsteiner Gymnasiums: Aufgrund des Wassereintritts ist der Unterricht am Montag entfallen.

Zug in Gries entgleist

Ein ÖBB-Zug der Rollenden-Landstraße ist in der Nacht auf Montag in Gries wegen eines Murenabganges auf die Brennerbahnstrecke entgleist. Nach Angaben der Polizei versuchte der Lokführer noch eine Notbremsung einzuleiten, konnte aber ein Auffahren der Lok auf die Erdmassen nicht mehr verhindern. Sie entgleiste mit beiden Vorderachsen. Verletzt wurde niemand. Die Brennerstrecke musste vorübergehend gesperrt werden (mm, aha, veh, wo, TT.com)

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