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Letztes Update am TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe

Aufstand in der Türkei

Am Gezi-Park richtete man sich für lange Protestwochen ein

In 77 der 81 Provinzen der Türkei wird gegen Ministerpräsident Erdogan protestiert. Es gibt immer mehr Verletzte. Der Regierung droht die Lage zu entgleiten.

Istanbul – Sie laufen in Panik, rennen wie um ihr Leben. Immer wieder drehen sich Köpfe nach hinten, fallen die Blicke auf die Verfolger. Diese jagen hinterher. In Schutzwesten, bewaffnet und mit Entschlossenheit in den verhärteten Gesichtszügen.

Es ist Nacht geworden in Istanbul. Und wieder kommt es zu Ausschreitungen. Hier, ganz in der Nähe der Spielstätte von Besiktas Istanbul, spielen sich am Rande der großen Proteste dramatische Szenen ab. Polizisten bei der Menschenhatz. Sie treiben die jungen Leute vor sich her, bis sie einmal falsch abbiegen, eine Treppe hinunter, hinein in eine Sackgasse. Es gibt kein Entkommen. Das wissen die jungen Männer, das wissen die Polizisten. Und dann schlagen sie zu.

Brutal und gnadenlos verprügeln die Beamten die Gejagten. Sie lassen nicht locker, schlagen zu wie im Rausch. Und selbst Journalisten, die der Gruppe gefolgt waren, halten sie nicht ab von der Gewalt. Im Gegenteil werden die Presseleute mit Schubsern vertrieben, sodass sie nicht über die Mauer hinunter fotografieren oder gar filmen können.

Heiße Nächte in Istanbul und der ganzen Türkei

Szenen wie diese, deren Zeuge TT-Reporter Jan Hetfleisch in der Nacht zum Mittwoch geworden ist, spielen sich seit fast einer Woche in den heißen Nächten in Istanbul ab, aber auch in vielen anderen Provinzen der Türkei kommt es immer wieder zu brutalen Zusammenstößen. Es sind genau solche Gewaltexzesse, weswegen die Protestwelle in der Türkei nicht zur Ruhe kommt. Es sind solche Rücksichtslosigkeiten, die den Entschuldigungen der Regierung vom Dienstag ihre Glaubwürdigkeit rauben.

„Die Polizeichefs, die den Gewalteinsatz angeordnet haben, müssen entlassen werden“, sagt Eyüp Mumcu, ein Sprecher der Protestierenden, nach einem Treffen mit Vize-Regierungschef Bülent Arinc am Mittwoch in Ankara. Arinc war es, der sich bei den Opfern von Polizeigewalt überraschend entschuldigt hatte.

Bereits kurz danach hatten die Protestierenden am Dienstag eine Entschuldigung von Ministerpräsident Erdogan persönlich gefordert. Ob diese nach einer neuerlichen Nacht der Gewalt ausreichen wird, um die Lage zu entspannen, ist aber unwahrscheinlich. Die Taksim-Plattform, die sich als führende Initiative der Proteste etabliert hat, kündigte jedenfalls an, ihren „Kampf“ fortsetzen zu wollen.

Aktivisten stellen Forderungen

Die Aktivisten verlangen neben dem Rücktritt aller für die Gewalt verantwortlichen Polizeichefs unter anderem den Erhalt des Gezi-Parks in Istanbul, der einem Einkaufszentrum weichen soll. Ferner fordern sie die Freilassung aller verhafteten Demonstranten sowie ein Ende des Einsatzes von Tränengas.

Derzeit sieht es aber nicht so aus, als ob die Regierung den Demonstranten entgegenkommen will. Im Gegenteil sprechen verschiedene Aktionen dafür, dass weiterhin das Motto Erdogans gilt, mit „aller Härte“ gegen Aufwiegler vorzugehen. Unter anderem wurden in der Stadt Izmir Onlineaktivisten festgenommen. Die Rede ist von mindestens 25 Personen. Die Polizei begründete die Festnahmen mit der „Verbreitung irreführender und beleidigender Informationen“ via Twitter.

Neben den heftigen Zusammenstößen in Istanbul kam es auch in der östlichen Stadt Tunceli zu schweren Straßenkämpfen zwischen der Polizei und Demonstranten. Die Polizei habe auch dort massiv Tränengas und Gummigeschosse eingesetzt, berichten Aktivisten und türkische Medien.

Am Taksim-Platz, dem Epizentrum der Proteste, herrscht hingegen beinahe Volksfestatmosphäre. Vor allem in den Abendstunden schwellen die Menschenmassen dort auf bis zu einer Million an. Zelte bieten Dauerbesetzern des Gezi-Parks in der Nacht Unterschlupf, berichtet TT-Reporter Hetfleisch. „Die Demonstranten richten sich häuslich ein. Es gibt eine eigene Bibliothek, Yogakurse, Versorgungsstationen, die kostenlos Getränke und Speisen verteilen.“

„Unterstützung wird breiter“

Nur wenig deute darauf hin, dass die Protestbewegung sich am Ende ihrer ersten Woche abschwächen würde. „Man merkt deutlich, dass die Unterstützung in der Bevölkerung breiter wird. Jedes Auto, das in Besiktas an den Barrikaden der Demonstranten vorbeifährt hupt lautstark. Und an den Abenden wird die Menschenmenge immer bunter, alle Gesellschaftsschichten sind inzwischen vertreten.“

Unter den Protestierenden seien etwa 5000, die sich an den Zusammenstößen im Stadtteil Besiktas mit der Polizei aktiv beteiligen würden. „Während sich diese den Polizisten und dem Tränengas stellen, stehen viele tausend weiter oben, in Richtung Taksim-Platz, und feuern die Kämpfenden lautstark an.“

Auch am heutigen Mittwochabend wird wieder mit Großprotesten, an denen sich allein in Istanbul Hunderttausende beteiligen, gerechnet. Zusammenstöße seien kaum zu vermeiden. (tt.com, jan)