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Letztes Update am TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe

Protest in der Türkei

„Erdogan ist nicht unser Vater, der uns etwas vorschreiben kann“

Seit zwei Tagen fliegen keine Steine mehr. Die Polizei hält sich im Istanbuler Stadtteil Besiktas zurück. Doch wer die Tage zuvor das massive Einschreiten erlebt hat, ist überzeugt: Erdogan taktiert und spielt auf Zeit.

Aus Istanbul von TT-Reporter Jan Hetfleisch

Istanbul – Die Proteste auf dem Taksim-Platz und im Gezi-Park halten unvermindert an, auch wenn es keine Straßenschlachten mehr gibt. Täglich strömen Hunderttausende auf den Platz. Einige tausend Demonstranten schlafen im Park und richten sich auf einen längeren Aufenthalt ein. „Wir haben nicht vor zu gehen, so lange es keine Absage zu dem Bauvorhaben gibt“, hört man von einigen Demonstranten. Diese Mindestforderung wird aber oft mit der lautstarken Rücktrittsforderung in Richtung Erdogan verknüpft.

Seit Beginn der Ausschreitungen vor einer Woche hat sich das Gesicht des Taksim-Platzes verwandelt. Er gleicht immer mehr einer autonomen Zone, in der ein kleines Dorf wächst. Zelte schießen wie Pilze aus dem Boden, Versorgungspunkte wachsen, ein Garten in dem Salat und Blumen gepflanzt wird und auch eine Bücherei wurden eröffnet. Den ganzen Tag wird gefeiert und getanzt. Freiwillige haben ein Müllabfuhr-Kommando geschaffen, das nicht nur das Gröbste beseitigen, sondern auch jeden Zigarettenstummel entfernen. Und dennoch ist sich jeder im Park und am Platz bewusst, dass wohl ein großer Polizei-Sturm noch bevorstehen könnte.

Spuren der Schlachten allgegenwärtig

In den Straßen und rund um den Platz sind die Spuren der schweren Straßenschlachten überall zu sehen. Die Straßen sind mit gebrochenen Pflastersteinen übersät. Alle fünfzig Meter wurden meterhohe Barrikaden errichtet. Auch hier wird von den Demonstranten fleißig weitergearbeitet und organisiert. Vom Taksim-Platz in Richtung des Stadtteils Besiktas werden ungünstig gelegene Barrikaden abgebaut und an taktisch besseren errichtet und verstärkt. „Es ist nur die Ruhe vor dem Sturm“, ist Veysel (17) überzeugt, der es sich unter einer gespannten Plane gemütlich gemacht hat. Neben ihm sitzt Nevin (47) mit ihrer Mutter Hauva (85). Seit sieben Tagen übernachten die drei im Park. „Es ist ein Generationen übergreifender Protest“, sagt Nevin, „Erdogan ist wie ein Diktator geworden. Zu viele Rechte wurden beschnitten. Nach seiner Wahl hat er dem Volk versprochen, dass dies nicht passieren würde. Doch es kam anders.“ Einige im Park vergleichen den Premierminister mit Hitler: „Hitler wurde auch demokratisch gewählt und ließ dann seine Maske falle“, meint Nevin, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Hauva trägt stolz ein mit dem Abbild des legendären Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk bedrucktes T-Shirt. Mit 85 Jahren zählt sie zu den ältesten Demonstranten im Park. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters kämpft sie für die Freiheit in ihrem Land. „Für mich persönlich muss ich nicht mehr kämpfen, aber es geht um die jungen Leute. Dafür bin ich bereit zu sterben“, gibt sich die resolute Dame kämpferisch.

Ausländer verhaftet

In den vergangen Tagen wurden „Ausländer“ verhaftet. Nach Angaben der Regierung waren diese mit Feuerwerkskörpern aufgegriffen worden. Es sind die „Ausländer“ wie Ceren (31). Die 31-Jährige ist Britin lebt in London, doch ihre Wurzeln hat sie in Istanbul. „Als die Ausschreitungen begannen, bin ich in den ersten Flieger, den ich buchen konnte, in die Türkei geflogen um mein Volk zu unterstützen. Was hier passiert hat die Türkei noch nie erlebt“, sagt Ceren. „Es ist ein Aufbruch zu spüren.“

Die von den Demonstrierenden ersehnte „Freiheit“ ist rund um den Platz zum greifen Nahe und dennoch so fern. „Noch nie habe ich so viele Mauern fallen sehen wie in der vergangenen Woche, noch nie habe ich die Türken so vereint gesehen. Fans der verfeindetet Fußball-Clubs Arm in Arm, Homosexuelle, die sich outen können, ohne dass sie komisch angesehen werden, Arm und Reich, Alt und Jung – jeder will seinen Teil zu dieser Revolution beitrage. Es geht schon lange nicht mehr um den Park. Er ist das Symbol und der Ort an dem in der Türkei Geschichte geschrieben wird“, ist Ceren überzeugt und so wie viele Türken glaubt sie nicht an ein Einlenken Erdogans. „Er arbeitet nicht mehr für das Volk, das ihn zu dem gemacht hat was er heute ist. Er arbeitet für sich und seine Freunde. Wenn man die Rufe anhört und die Banner liest, dann erkennt man klar: es dreht sich nicht um die AKP, sondern der Protest richtet sich nur gegen ihn persönlich. Erdogan ist nicht unser Vater, der dem Volk etwas vorschreiben kann.“