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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 07.06.2013

Proteste in der Türkei

Hilfseinsatz in der Tränengas-Hölle von Istanbul

Tagelang kam es bei Protesten in der Türkei zu schweren Ausschreitungen. Die TT begleitete drei junge Ärzte bei ihrem Hilfseinsatz in Istanbul.

Aus Istanbul:

Jan Hetfleisch

Istanbul – „Wir dürfen nicht aus politischer Sicht heraus entscheiden, wem wir helfen. Wir sind für alle da“, sagt Ece (20). Sie ist eine von 50 Freiwilligen, die sich um die Verletzten der Ausschreitungen in Istanbul kümmern. Sie nennen sich Ärzte, dabei haben viele von ihnen gerade einmal ein paar Semester Medizin studiert. Dennoch versuchen sie alles, um die Schmerzen der Tränengasopfer zu lindern und anderen Verletzten zu helfen. „Es sind vor allem Kreislaufschwierigkeiten, Atemnot heftiges Brennen in Mundhöhle und Augen, womit Tränengasopfer zu kämpfen haben“, erklärt Sezar (20). Mit weißem Kittel, Mütze, einem kleinen Rucksack und einer Gasmaske, die noch ungenutzt von der Schulter baumelt, steht er an einem Versorgungspunkt am Taksim-Platz.

„Es gibt viel zu tun, denn heute eröffnen wir eine Feldklinik, die wir erst einmal mit Medikamenten, die hier am Versorgungspunkt gelagert sind, versorgen müssen.“ Mit rund zwanzig Helfern startet eine schwer bepackte Karawane los und schlängelt sich durch die Menschenmassen am Taksim-Platz. Hunderttausende demonstrieren hier gegen Premierminister Erdogan. Der Versorgungstrupp bahnt sich seinen Weg. Es geht hinein in eine Bibliothek, wo zwischen Hunderten Büchern „Krankenbetten“ aufgestellt wurden. Mit den mitgebrachten Medikamenten ist die Feldklinik nun einsatzbereit.

Gegen 17 Uhr startet für Sezar, Ece und Servet (27) dann der eigentliche Einsatz: Berichte von ersten Ausschreitungen an diesem Tag erreichen das Team. „Wir ziehen jetzt los und schauen, wer Hilfe braucht“, gibt Ece den Befehl zum Abmarsch.

Schnellen Schrittes geht es in Richtung des Stadtteils Besiktas. Bald schon macht sich das tückische Reizgas mit einem Brennen in den Augen bemerkbar. Die Ärzte setzen Gasmasken auf. Und Sekunden später erblicken sie ein paar Leute, die ihnen mit schmerzverzerrten Gesichtern entgegentaumeln.

Sezar packt eine Flasche aus und sprüht die darin enthaltene weiße Flüssigkeit in die Mundhöhle und die Augen der Patienten. Es ist ein einfaches Hausmittel, das dass unerträgliche Brennen lindert: Milch, die von Spendern zur Verfügung gestellt wird.

Hilferufe sind zu hören. Ece, Sezar und Servet laufen los, folgen den Rufen hinein in eine Hotel-Lobby. Der kleine Raum ist brechend voll mit Demonstranten, die vor dem Gas geflüchtet sind. An ein Absetzen der Atemschutzmasken ist nicht zu denken – zu hoch ist die Gaskonzentration selbst hier im Hotel.

In einer Ecke sitzt ein Mann, er ringt nach Luft. Ece greift in ihren Kittel, zerrt einen Asthmaspray aus einer Tasche. Der Mann inhaliert das Mittel, bis sich seine Atmung beruhigt hat. Weitere Patienten werden im Schnellverfahren behandelt. Nur nicht zu viel Zeit vergeuden, denn es sind auch heute wieder Hunderte, die auf Hilfe warten.

Unter tosendem Beifall verlässt das Ärzteteam die Lobby. Für viele sind sie Helden. Doch Sezar, Ece und Servet sind gedanklich schon bei den nächsten Patienten. Diese finden sie an einer nahen Barrikade, an der es zu schweren Kämpfen zwischen Polizei und Demonstranten kommt. Dicke Gaswolken und das Knallen von Schüssen erfüllt die Luft. „Doktor, Doktor!“, rufen schlecht ausgerüstete Demonstranten, von denen nur sehr wenige eine Gasmaske besitzen. Dutzende leiden hier unter Kreislaufbeschwerden, fallen einfach bewusstlos um, weil das Gas zu exzessiv eingesetzt wird. Aber auch Platzwunden gehören zum typischen Verletzungsbild eines an der „Front“ kämpfenden Demonstranten.

Trotz der nahen Kämpfe tut das Team, was es kann. So lange, bis das Trio selbst am Ende seiner Kräfte angekommen ist. Nach drei Stunden müssen sich die Helfer zurückziehen. Das ständige Atmen durch die Gasmasken ist erschöpfend, eine Pause dringend nötig. Zurück im Feldkrankenhaus holen Ece, Sezar und Servet tief Luft, lassen sich erschöpft auf Sessel sinken und trinken erst einmal viel Wasser.

Keine zehn Minuten später springen die drei wieder auf, kontrollieren ihre Ausrüstung. Was verbraucht wurde, wird ersetzt. Und schon geht es wieder los. Hinein in die bedrohliche Nacht. Im Laufschritt wendet sich das Team dem Knallen von Schüssen zu und verschwindet in der Menge der Protestierenden.