Archiv

Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 18.06.2013

Im Land des flüssigen Sonnenscheins

Bürgerkrieg war gestern. Das moderne Nordirland präsentiert seine kulturellen, kulinarischen und landschaftlichen Schätze voller Selbstbewusstsein. Alles gewürzt mit einer gehörigen Prise Humor.

Von Simon Hackspiel

Belfast – Die Sonne scheint über der nordirischen Hauptstadt Belfast, es ist frühsommerlich warm. Kein Tropfen Regen, schon den zweiten Tag in Folge. „Eine Trockenzeit“, vermutet unser Touristenführer Hugh mit typisch irischem Humor. Danach gefragt – jetzt im Ernst – wie viele regenfreie Sommertage es in Nordirland normalerweise so gibt, meint Hugh: „Einen.“ Und ergänzt schnell: „Wenn’s gut geht.“ Wieder hat der 68-jährige Witzbold die Lacher auf seiner Seite. Rasch wird klar: Fragen nach dem Wetter mit Ironie zu beantworten, gehört hier zum guten Ton. Kein Wunder also, dass Regen im Volksmund als „Liquid Sunshine“ („Flüssiger Sonnenschein“) bezeichnet wird.

Ernster geht es da schon bei Themen zu, die Nordirlands dramatische Vergangenheit betreffen. Tief im kollektiven Gedächtnis eingebrannt ist der Religionskonflikt zwischen kronloyalen Protestanten und irischen Katholiken, dem über die Jahrhunderte hinweg Tausende Menschen zum Opfer fielen. Nach der letzten Eskalation in den 1970ern, als die IRA regelmäßig Bombenattentate verübte und am „Bloody Sunday“ 13 irische Demonstranten durch Schüsse der britischen Armee starben, ist nun seit dem Friedensvertrag von 1998 endlich ein Aufarbeitungsprozess im Gang. Die Schockstarre des vergangenen Jahrhunderts ist einer Aufbruchstimmung gewichen, die einem Besuch Nordirlands eine zusätzliche Portion Attraktivität verleiht.

In Belfast wird der Sprung in die neue Ära von dem im Vorjahr eröffneten Titanic-Gebäude verkörpert, zu dem uns Hugh an diesem Morgen führt. Alle vier Seiten der Konstruktion sind exakt dem Bug des ehemals größten Passagierschiffs der Welt nachempfunden, das ab 1909 an den Belfaster Docks gebaut wurde. Im Inneren wird in einer Ausstellung von Weltklasse-Format die Geschichte und der dramatische Untergang des Luxusdampfers 1912 in allen Facetten aufgearbeitet.

Nach dem Besuch des neuen Belfaster Wahrzeichens steht an diesem Tag noch eine Bootstour entlang der Antrim-Küste nördlich der Hauptstadt auf dem Programm. Auf dem Weg aus der Stadt machen wir aber noch einen Abstecher zu den „Murals“, die auf kunstvolle Weise an den Bürgerkrieg erinnern. Statt mit Waffen bringen beide Seiten ihre Positionen heute mit überdimensionalen, auf Mauern gepinselten Gemälden zum Ausdruck. Obwohl sie mittlerweile eine große Touristenattraktion sind, müssen die „Murals“ per Gesetz bis zum Jahr 2023 entfernt werden.

Schließlich lassen wir Belfast hinter uns und machen uns auf, die dramatische Steilküste im Norden zu erkunden. Vom kleinen Örtchen Ballycastle bringt uns Kapitän Crawford mit seinem Schnellboot bis Portballintrae. Unterwegs bieten sich traumhafte Ausblicke auf vorgelagerte Inseln und Kalksteinklippen, die von einer grasbewachsenen Basaltschicht überzogen werden. „Häufig treiben sich in diesen Gewässern auch Tümmler (Anm. delfinartige Meeressäuger) herum“, übertönt Crawfords Stimme den Motorenlärm. „Manchmal verirren sich sogar Wale hierher.“ Und obwohl sich an diesem Tag kein Meeressäuger blicken lässt, füllen sich die Speicherkarten der Kameras angesichts der wildromantischen Szenerie im Sekundentakt.

Als wir wieder festen Boden unter den Füßen haben, geht es weiter nach Bushmills, Heimatort der ältesten lizensierten Whiskydestillerie der Welt. Aber nicht nur Liebhaber von edlen Tropfen kommen in Bushmills auf ihre Kosten. Die Gegend ist gleichsam für ihre hochklassigen Golfplätze bekannt. Weshalb auch das mit einem ausgezeichneten Restaurant ausgestattete Hotel Bushmills Inn vor allem von Freunden des Rasensports frequentiert wird. Von Golf abgesehen gilt in Nordirland in Sachen Sport aber die Devise: je ruppiger und gefährlicher, desto besser. Die Sportart Nummer eins ist ganz klar das mit dem Rugby verwandte Gaelic Football, aber auch Boxen und Motorradrennen erfreuen sich großer Beliebtheit. Die augenzwinkernde Antwort von Hugh auf die Frage, wie es bei ihm mit Fußball steht: „Das ist doch was für Weicheier.“

Nach einem landesüblichen Frühstück mit – ja – weichen Eiern, Würstchen, Speckstreifen und Black Pudding (gebratene Masse aus Schweineblut, Hafer und Gewürzen), besuchen wir am nächsten Tag das Dunluce Castle. Die ältesten Überreste der Burg, die spektakulär auf einer Klippe über der Antrim-Küste thronen, gehen auf das 16. Jahrhundert zurück, als Irland noch von rivalisierenden Clans dominiert wurde. Nur wenige Kilometer davon entfernt gibt es das wohl größte Naturwunder Nordirlands zu bestaunen: den Giants Causeway. Die bizarren sechseckigen Basaltsäulen, die sich bei einem Vulkanausbruch vor rund 60 Millionen Jahren formten, haben die Fantasie der Menschen seit jeher beflügelt und werden von Sagen und Mythen umwoben.

Neben dem Hang zum Geschichtenerzählen wird die Mentalität vieler Nordiren von einer fast südländischen Gelassenheit geprägt. Mehr als deutlich wird uns dies beim abendlichen Besuch eines Pubs in der zweitgrößten Stadt Londonderry. Noch bevor das erste Guinness geleert ist, plaudern wir schon zwanglos mit den Leuten am Nachbartisch. „Natürlich ist es noch in den Köpfen“, antwortet der 25-jährige Garbhin auf die Frage, ob der Konflikt für die Jugend noch eine Rolle spielt. „Aber wir schauen positiv in die Zukunft.“ Als wir das Pub verlassen, regnet es plötzlich in Strömen. „Flüssiger Sonnenschein“, meint Hugh. „Wird ja höchste Zeit.“