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Style

Royal Ascot - Laufsteg mit Pferden: Heute ein echtes Spektakel

Die Tradition des königlichen Pferderennens im englischen Ascot reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Schon immer war es auch ein gesellschaftliches Ereignis - heute ist es der wohl größte Laufsteg im Königreich und ein echtes Spektakel.

London – Wer beim königlichen Pferderennen im englischen Ascot wirklich auffallen will, muss auf Extreme setzen. Zum Beispiel ein Hut-Gestell von gut zwei Metern Durchmesser aus Blechdosen-Deckeln anziehen. Oder Federn im Ausmaß eines ganzen Vogelschwarms mit sich herumtragen. Royal Ascot ist für die ausgefallenen Hüte der Besucherinnen und den an viktorianische Zeiten erinnernden Frack-und-Zylinder-Auftritt der Herren weltberühmt und macht seinem Ruf jedes Jahr zuverlässig alle Ehre.

Der Queen geht‘s um die Pferde

Ein bisschen hat man den Eindruck, als ginge es eigentlich nur einer Zuschauerin wirklich um die Pferde: Queen Elizabeth II. selber, die in diesem Jahr mit einer eigenen Züchtung sogar als erster Monarch in der Geschichte den begehrten Ascot-“Gold Cup“ gewann.

„Ascot hat sich verändert, es geht heute mehr um Style“, sagt Kiloran Cavendish, die seit mehr als 30 Jahren nach Ascot kommt und schon als Jugendliche mit ihrer pferdebegeisterten Mutter mitwettete. Schick gemacht habe man sich für Ascot zwar schon immer, der Hut für die Dame ist Pflicht, seit sie denken kann. Doch heute sei alles etwas verrückter.

Canvendish gehört zu der Traditions-Gruppe, die tatsächlich wegen der Pferde kommt und für die Ascot seit Jahrzehnten ein Familienereignis ist. Die neuen Entwicklungen findet sie aber trotzdem ganz gut. So zeigt sie auf eine Besucherin, deren Outfit an einen Fuchs mitsamt buschigem Schwanz und Ohren auf dem Kopf erinnert. „So was wäre früher nicht möglich gewesen, das hätten die Aufpasser nicht durchgehen lassen.“ Die lockere Kleiderordnung sei auch der Öffnung des Rennens insgesamt zu verdanken: Wo sich früher vor allem der englische Landadel und die Oberklasse versammelte, kämen heute viel mehr Besucher aus dem Ausland und aus allen Gesellschaftsschichten, meint sie.

Ausgeklügeltes Klassensystem

Doch was wäre ein echtes englisches Traditionsereignis ohne die Erinnerung an das ausgeklügelte Klassensystem. In Ascot sieht das so aus: Nur ausgesuchte Zuschauer, die seit Jahren kommen oder über die richtigen Kontakte verfügen, bekommen ein Ticket für die Abteilung „Royal Enclosure“ - hier prangt bei den meisten ein Adelstitel auf dem Namensschild am Revers. Der „Grand Stand“ als Zuschauerplatz bildet so etwas wie die Mittelschicht. Im „Silver Ring“ versammelt sich dann die Masse - teilweise ohne Überdachung mit selbst mitgebrachtem Picknick auf der Wiese. Mit absteigendem Prestige der Ränge wird der Frack der Herren zum Anzug und offenen Hemd, die Röcke der Damen werden kürzer und die Absätze höher.

Ein Besuch in Ascot verlangt auch weniger extrovertierten Besuchern eine Menge modische Vorbereitung ab, denn mit der Kleiderordnung nehmen es die Veranstalter ganz genau. Anzug für Männer und Kleid oder schicker Hosenanzug für Frauen sind selbst auf den unteren Rängen Pflicht. Erbarmungslos wird es dann auf den Edelrängen in der „Royal Enclosure“. Herren müssen „Morning Suit“ mit Frack, Weste, Krawatte, gestreifter Hose und Zylinder tragen - eine kostspielige Anschaffung.

Die Kleider der Frauen müssen bis mindestens zum Knie reichen, die Träger dürfen nicht schmaler als 2,5 Zentimeter sein, so die Vorgaben, die von „Dress Code Assistenten“ auf dem Gelände überprüft werden. Der Hut der Dame muss „eine ausreichende Fläche des Kopfes, mindestens 10 Zentimeter, bedecken“ - mehr ist ausdrücklich willkommen. Seit einiger Zeit sind die modisch gewordenen „Fascinators“ verboten, die Prinz Williams Frau Kate so gerne trägt: Haarreife oder Spangen mit Feder- oder Blumenbesatz, die eher Haarschmuck als Hut sind. In den obersten Rängen „nicht mehr erlaubt“.

„Heute genau so schön wie früher“

Der klassische Ascot-Besucher geht nicht nur einmal, sondern mehrfach zu den von Dienstag bis Samstag laufenden Pferderennen. „Ich habe drei verschiedene Outfits“, sagt etwa eine ältere Dame mit Satellitenschüssel-großem Hut und verdächtig echt schimmerndem Diamanten-Diadem um den Hals in der „Royal Enclosure“. Sie kommt seit mehr als 30 Jahren, bucht sich im Hotel ein, und trifft hier alte Bekannte. „Es hat sich sehr verändert alles, aber es ist heute genauso schön wie früher.“

Für die Verkäuferin im „Marks & Spencer“-Geschäft am Bahnhof London-Waterloo, von dem aus sich die meisten Ascot-Besucher auf den Weg machen, ist das alles weit weg. Die ganze Woche über kommen die Ascot-Reisenden bei ihr vorbei, um sich mit kleinen Champagner-Flaschen und Sandwiches für die etwa eine Stunde lange Zugfahrt einzudecken. „Die Frauen sehen alle so toll aus“, sagt sie. „Ich wünschte, ich könnte nur einmal im Leben auch dahin. Nur die Leute anschauen, das würde schon reichen.“ (APA/dpa)