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Tanzsommer

„Canto per Orfeo“ : Im rostigen Reich der verlorenen Seelen

Gelungener Tanzsommer-Auftakt mit dem italienischen Aterballetto und Mauro Bigonzettis „Canto per Orfeo“.

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Von Ivona Jelcic

Innsbruck – Wenn Orpheus verzweifelt versucht, seine Eurydike aus einem jener Ölfässer zu ziehen, die das von Rost und Feuersbrünsten vernarbte Mobiliar der Unterwelt bilden, sie ihm aber wieder und wieder entgleitet, ist man bei einer der berührendsten Szenen dieses Tanzabends angelangt. Der fatale Blick zurück ist nicht mehr ungeschehen zu machen. Und als zuletzt auch die Hoffnung stirbt, haut Orpheus im Affekt den Hades kurz und klein.

Mit der österreichischen Erstaufführung von Mauro Bigonzettis „Canto per Orfeo“ hat das italienische Aterballetto am Freitagabend den 19. Tanzsommer Innsbruck eröffnet. Sowohl Tänzern als auch Publikum wurde dabei zuerst einmal einige Geduld abverlangt, denn erst nach ausgedehntem Eröffnungsbrimborium samt den Dankesworten von Tanzsommer-Chef Josef Resch an Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer für „ihre Initiative, in den nächsten Wochen eine mehrjährige Fördervereinbarung beschließen zu lassen“, der der grüne Koalitionspartner, wie die TT berichtete, kritisch gegenübersteht, durfte man eintauchen in den Tanz gewordenen Mythos von Orpheus und Eurydike.

Begleitet vom Trio Kitarodia, das mit Interpretationen süditalienischer Volkslieder keineswegs nur untermalende Funktion hat, sondern zuweilen sogar mit den Tänzern interagiert. Ein bisschen zu sehr geriet der erste Teil des Abends dennoch zum Konzert, und man hätte den Tänzern zwischendurch mehr stilleren Spielraum gewünscht. Wenn aber auf liebevoll-ironische Weise Volkstänze dekonstruiert und in furiose Bewegungsspiele übersetzt werden, dann stimmt fraglos die Chemie und Choreographie: Die Handschrift von Bigonzetti, einem der führenden italienischen Choreographen, ist eine moderne und Genre-Grenzen überschreitende, weit mehr der körperlichen Übersetzung von inneren Konflikten als einer klassischen Ästhetik geschuldete. Seine Interpretation des Orpheus-Stoffes setzt getanzte Tableaus menschlicher Gefühle – von Liebe und Leidenschaft bis zu Hochmut und Verzweiflung.

Angesiedelt in einer sparsam ausgestatteten Unterwelt mit deutlichen Gegenwartsbezügen (Bühne: Carlo Cerri), in der mitunter pfeifende Radiosignale den Funkkontakt zwischen Dies- und Jenseits herzustellen versuchen und projizierte Flammen bedrohlich die Wände hinauflodern.

Es ist ein ungeheuer vitales Ensemble, das auf den Fässern tanzt und trommelt oder sich als Schattenarmee der verlorenen Seelen auf den Beobachterposten zurückzieht, während Orpheus und Eurydike sich im Pas-de-deux wiederfinden und verlieren. Darüber können dann halt doch am besten die Klänge des diatonischen Akkordeons hinwegtrösten, das schließlich auch zu Orpheus’ Lyra wird.

19. Tanzsommer Innsbruck: Von 17. Juni bis 10. Juli 2013, „Canto per Orfeo“

Weitere Vorstellung am 22. Juni um 20.30 Uhr im Congress Innsbruck, Dogana.

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