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Symbolträchtiger Besuch

Papst fordert auf Lampedusa mehr Solidarität mit Migranten

Franziskus traf bei seinem Besuch auf der italienischen Mittelmeerinsel überlebende Flüchtlinge und warnte vor einer „Globalisierung der Gleichgültigkeit“. Es ist die erste Pastoralreise des Papstes außerhalb Roms seit seinem Pontifikatsantritt im März.

Lampedusa – Es ist ein Besuch mit großer Symbolwirkung: Als erstes Kirchenoberhaupt besuchte Papst Franziskus am Montag Lampedusa. Die italienische Mittelmeerinsel ist Ziel Tausender afrikanischer Bootsflüchtlinge aus Afrika und Asien, die versuchen, von Tunesien und Libyen aus über Lampedusa und Sizilien den europäischen Kontinent zu erreichen. Mindestens 20.000 von ihnen starben Schätzungen zufolge in den vergangenen zwei Jahrzehnten auf ihrem Weg dorthin.

Zu ihrem Gedenken warf Franziskus bei einer Bootsfahrt vor der Küste einen Kranz mit Blüten in den vatikanischen Farben ins Meer. Der Papst warnte vor der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ und forderte „brüderliche Solidarität“ mit den Flüchtlingen. Niemand fühle sich verantwortlich für die alltäglichen „Dramen“ während der Überfahrt von Afrika nach Europa und das „Blut der Brüder und Schwestern“, die hierbei ums Leben kämen, sagte Franziskus am Montag während einer Messe mit Flüchtlingen und Inselbewohnern am Hafen. Es war die erste Pastoralreise des Papstes außerhalb Roms seit seinem Pontifikatsantritt am 19. März.

Messe vor 15.000 Gläubigen

„Wir haben uns an die Leiden der anderen gewöhnt, sie gehen uns nichts an und interessieren uns nicht, das ist nicht unsere Angelegenheit. Die Kultur des Wohlstands macht uns für die Hilferufe anderer Menschen unsensibel“, warnte der Heilige Vater. In seiner Predigt kritisierte Franziskus indirekt die EU-Flüchtlingspolitik sowie die Regierungen in den Herkunftsländern der Migranten. Er bat Gott um Vergebung für die „Grausamkeit in der Welt, in uns und auch in jenen, die in der Anonymität Entscheidungen sozialer und wirtschaftlicher Natur treffen, die den Weg für Dramen wie dieses ebnen“.

Franziskus richtete bei der Messe vor rund 15.000 Gläubigen auch Grüße an die muslimischen Flüchtlinge. „Die Kirche ist euch nahe auf eurer Suche nach einem würdevolleren Leben“, sagte der Papst. Die Muslime würden den bevorstehenden islamischen Fastenmonat Ramadan in der Hoffnung auf spirituelle Bereicherung beginnen, so der Papst.

Bei den rund 50 Bootsflüchtlingen, die sich zur Begrüßung des Pontifex eingefunden hatten, bedankte sich der Papst und fügte an: „Ich grüße alle Flüchtlinge, die hier sind und danke euch für die Gastfreundschaft. Wir alle sind heute hier, um gemeinsam zu beten“, sagte der Papst. Die rund 6000 Bewohner Lampedusas rief er auf, sich weiterhin menschlich zu verhalten und den Migranten Hilfe zu leisten.

„Historischer“ Besuch „von außerordentlicher Bedeutung“

Die Bürgermeisterin Lampedusas, Giusy Nicolini, bezeichnete den Besuch des Papstes auf der Insel als „historisch“. „Der Papst spricht zur Welt, er durchbricht somit das Schweigen, das bisher das Drama der Toten im Meer und des Menschenhandels über das Mittelmeer umhüllt hatte. Dieser Menschenhandel wird schon zu lange von Europa toleriert“, so Nicolini. Der Präsident des italienischen Rats für Flüchtlinge (CIR), Christopher Hein, meinte, der Besuch des Papstes sei von „außerordentlicher Bedeutung“. „Auch wenn der Vatikan keinen direkten politischen Einfluss hat, kann er ihn vom ethischen und moralischen Standpunkt ausüben. Der Besuch des Papstes auf Lampedusa ist vielsagend und ein Appell an das Gewissen von uns allen“, so Hein.

Erst am Sonntag hatte die Küstenwache vor Sizilien 120 in Seenot geratene Einwanderer gerettet. Das Boot war aus maltesischen Hoheitsgewässern Richtung Italien weitergefahren. Derzeit halten sich laut offiziellen Angaben 114 Flüchtlinge im Aufnahmelager Lampedusas auf, 75 davon sind minderjährig. (APA/tt.com)

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