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Tierischer Star

Ganz Japan liebt „Tirol“: Fischotter wurde in der Ferne zum Star

Was Eisbär Knut den Deutschen, ist Fischotter „Tirol“ den Japanern. Das aus dem Innsbrucker Alpenzoo stammende Weibchen überlebte 2011 den Tsunami, nun brachte es im Aquarium Fukushima Vierlinge zur Welt.

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Innsbruck – „In den Tagen nach der unfassbaren Tsunami-Katastrophe war es die Nachricht von ‚Tirols‘ Überleben, die den Menschen im ganzen Land das Herz wärmte“, erzählt Tierfotograf Motofumi Tai am Rande der Eröffnung seiner Fotoausstellung „Kinder im Zoo“ im Innsbrucker Alpenzoo (siehe Video). „Als das Aquarium Fukushima mit voller Wucht vom Tsunami getroffen wurde, dachten alle, auch der Otter wäre ums Leben gekommen.“ Dass „Tirol“ nur wenige Tage später in einem Gehege wieder auftauchte, machte das Tier vom unbestrittenen Publikumsliebling zum absoluten Medienstar: „‚Tirol‘ wurde gewissermaßen zum Symbol fürs Überleben“, sagt Tai.

Die allgemeine Begeisterung kannte keine Grenzen, als vergangenes Jahr drei Junge zur Welt kamen. Der Nachwuchs namens Peach, Cherry Blossom und Apricot ist mittlerweile die Attraktion im Tokioter Zoo.

Fischotter sind in Japan grundsätzlich besonders beliebt, da sie an das Fabelwesen Kappa erinnern. Diese Art Flusskobold gilt als Nationalsymbol.

„Tirols“ mediale Berühmtheit ist jedenfalls kaum zu überbieten. Dass das Weibchen nun am 3. Juni gar Vierlinge zur Welt brachte, ist auch für den Biologen Dirk Ullrich vom Innsbrucker Alpenzoo eine kleine Sensation.

„Ein bis drei Junge sind normal, vier eher die Ausnahme“, sagt Ullrich, der die Fischotterdame 2010 persönlich nach Fukushima gebracht hatte.

Der Experte half auch bei der Gestaltung des neu errichteten Fischotter-Geheges. Yoshitaki Abe, der Direktor des Fukushima Aquariums, hatte sich zuvor bei mehreren Besuchen im Alpenzoo intensiv um ein Tier bemüht. Schließlich ist Innsbruck bei der Zucht des eurasischen Fischotters europaweit führend.

Der japanische Fischotter, eine Unterart des eurasischen Fischotters, wurde 2012 offiziell für ausgestorben erklärt. In Japan sollen nun die im Zoo gezüchteten Tiere auf lange Sicht wieder in freier Wildbahn angesiedelt werden. Dies sei allerdings ein „schwieriger und sehr langwieriger Prozess“, sagt Experte Ullrich.

Einstweilen wirbeln „Tirol“, ihr Münchner Partner „Donau“ und die noch namenlose Nachkommenschaft das Aquarium in Fukushima auf. Der Tsunami hatte hier 2011 großen Schaden angerichtet, Mitarbeiter und Besucher konnten sich aber rechtzeitig in die oberen Stockwerke flüchten. Vier Monate später wurde das Aquarium wieder eröffnet. „Die Besucherzahlen sind im Vergleich zu vorher um 30 Prozent zurückgegangen“, berichtet der Fotograf Motofumi Tai. Das Aquarium liegt 55 Kilometer vom Atomkraftwerk Fukushima entfernt. Die Frage, ob „Tirols“ große Nachkommenschaft mit erhöhter Strahlung zu tun haben könnte, hält Tai dennoch für „einen guten Scherz“ und lacht.

Biologe Ullrich wendet ein, dass die Japaner besonders viel Augenmerk auf Tierpflege und Ernährung legen. „In einer Nation von Fischliebhabern bekommen auch die Tiere im Zoo nur feinsten, kleinen Fisch vorgesetzt“, erzählt Ullrich. „Die Durchschnittslebensdauer von Fischottern liegt zwischen zehn und 15 Jahren. In japanischen Zoos sind Tiere dokumentiert, die bis zu 17 Jahre alt wurden“, sagt der Kurator vom Innsbrucker Alpenzoo.

Ganz Japan wünscht „Tirol“ und der Nachkommenschaft wohl ein ebenso langes Leben.

Für die Menschen in der Provinz Fukushima sei das Aquarium besonders wichtig, zeigt sich Tai überzeugt: „Viele haben alles verloren, das zähe Otterweibchen ‚Tirol‘ mit seinen Vierlingen spendet da ein wenig Hoffnung.“

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