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„Entführung aus dem Serail“

Eine Führung durch den Hangar

Hochkultur trifft Schickimicki und große Kunst auf Kameras: Mozarts „Entführung aus dem Serail“ als spektakuläre TV-Oper.

Tobias Moretti legt den grimmig herrischen Bassa Selim als verkatert koksigen Couturier mit Weltekel an. Im Bild mit Desiree Rancatore (Konstanze).

© APA Tobias Moretti legt den grimmig herrischen Bassa Selim als verkatert koksigen Couturier mit Weltekel an. Im Bild mit Desiree Rancatore (Konstanze).

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Von Jörn Florian Fuchs

Salzburg – Das in Salzburg ansässige Servus TV ist ein recht merkwürdiger Fernsehkanal. Tagsüber frönt man der Familienunterhaltung, abends gibt es Kultur, nachts laufen Sportsendungen. Mit dieser Mischung buhlt der zum Imperium des Red-Bull-Magnaten Dietrich Mateschitz gehörende Winzling um Zuschauergunst. Der Erfolg stellt sich langsam ein, auch weil die Macher immer wieder auf Spektakuläres setzen. Felix Baumgartners Weltallsprung etwa bescherte Traumquoten. Seine Absprungkapsel steht heute im Hangar 7 am Salzburger Flughafen und dient sozusagen als Nebenkulisse für die letzte Opernproduktion der Festspiele, Mozarts „Entführung aus dem Serail“.

Der ganze Hangar ist im Prinzip ein mit allerhand Fluggeräten vollgestopftes Museum nebst Bars und Gourmetrestaurant, für einen Abend verwandelte sich er nun in eine Opernbühne beziehungsweise in einen Laufsteg. Regisseur Adrian Marthaler verlegt die Handlung um den grimmigen Herrscher Bassa Selim, zwei am Ende glückliche Liebespaare und den unmoralischen Haremsaufseher Osmin in die glitzernde Gegenwart der Modewelt. Tobias Moretti mimt den verkatert koksigen Couturier, der mit depressiven, schlüpfrigen Monologen seinem Weltekel Ausdruck verleiht. So richtig nimmt man ihm sein Interesse an Konstanzes Schlüpfern jedoch nicht ab. Osmin kümmert sich zwar ab und zu um seinen Dienstherrn, die meiste Zeit jedoch stählt er seinen Körper mit diversen Sportgeräten. Kurt Rydl singt und spielt diese Partie mit geradezu beängstigender Präsenz. Desirée Rancatore ist eine an manchen Stellen etwas überforderte Konstanze, Javier Camarena hingegen ein Bilderbuch-Belmonte. Ordentlich der Pedrillo von Thomas Ebenstein sowie Rebecca Nelsens Blondchen.

Im Hangar 8 sitzt die von Hans Graf gut präparierte Camarata Salzburg, die Musik wird für Sänger wie Zuschauer per Funksignal zugespielt. An zehn Orten in und um den Hangar 7, inklusive Autos, Flugzeugen oder einem Helikopter, inszenieren Adrian Marthaler („reale“ Regie) und Felix Breisach (Fernsehregie) das Geschehen, am Bildschirm erlebt man eine technizistische Hochglanzaufführung, im Saal wird man zum Teil des Geschehens, zeitweise sanft vom Hangar-Personal beiseitegeschoben oder in Richtung des jeweiligen Spielorts gelenkt. Den vollen Überblick hat man dort nicht, vielmehr entsteht eine Art gebrochene Theatralität, ein Blick hinter die Kulissen, der plötzlich dann wieder umschlägt ins echte Theater­erlebnis. Es gibt einige schöne, ungeplante Momente, zum Beispiel Geräusche vom sehr nahen Flughafen oder (unhörbar) mitsingende Zuschauer. Wenn Bassa Selim schlussendlich die gefangenen Paare freilässt und nach diesem seinem Gnadenakt der (Mode)Welt abhandenkommt, übernimmt Osmin die Laufstegaufsicht, er organisiert einen Catwalk mit Models, die Kreationen von Lena Hoschek tragen. So vermischen sich Schickimickipomp, Hochkultur, TV, Spektakel und durchaus große Kunst zu einem sehr speziellen Ereignis, das nicht nur die läppische Così im Haus für Mozart mühelos in den Schatten stellt.

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