Israelische Enklaven mitten im Himalaya

Neu-Delhi/Wien/Tel Aviv (APA) - Der Bundesstaat Himachal Pradesh im Norden Indiens verfügt über ein reiches kulturelles Erbe, das stark mit der Identität regionaler Stämme verbunden ist. In dieses Erbe mit jahrhundertealten Bräuche und Traditionen mischen sich aber in jüngster Zeit jüdische Einsprengsel. Israelische Rucksacktouristen strömen in die Region und verleihen den Dörfern zunehmend ein neues Flair.

Während der vergangenen Jahre hat die Zahl der jungen Männer und Frauen aus Israel, die nach dem verpflichtenden Wehrdienst zwischen sechs Monaten und einem Jahr nach Indien reisen, stark zugenommen. In der idyllischen Dörfern fernab der Heimat genießen sie ungestört Frieden, Drogen und Nirwana.

Geschätzte 50.000 israelische Touristen reisen jährlich nach Indien, viele von ihnen in abgelegene Dörfer wie Kasol, Manali und Bhagsu im indischen Himalaya, wo bis vor Kurzem von Modernität und westlichem Einfluss noch nicht viel zu merken war. Mittlerweile sind die Städte eher bekannt als „Mini-Tel Aviv“ oder das „indische Mekka der Israelis“.

Zahlenmäßig sind die Israelis - zumindest in der Hochsaison - der lokalen indischen Bevölkerung sogar überlegen. Das wird manchen der hier ansässigen Hindus und Buddhisten bereits etwas zu viel. Ihrer Ansicht nach dominieren die Touristen die Dörfer und haben diese auch bereits nach ihren Vorstellungen verändert.

Sogar Ramesh Kumar, an sich selbst Besitzer eines israelischen Cafes im Dorf Kasol im Parvatital, klagt: „Ihre Einstellung gegenüber uns ist nicht respektvoll.“ Wirtschaftlich gesehen seien die Inder von den israelischen Touristen abhängig, jedoch würden sie auch die lokale kulturelle Identität in Gefahr bringen.

Auf die Präsenz der Israelis sind in der Region wurde nämlich vielerorts umfassend reagiert. Hinweisschilder wurden auf Hebräisch übersetzt, Cafes und Restaurants verkaufen koscheres Essen, Internetcafes stellen hebräische Tastaturen zur Verfügung, und in Telefonzellen wird die Uhrzeit in Tel Aviv angezeigt. Viele junge Inder aus Himachal Pradesh haben begonnen, Hebräisch zu lernen, um zusätzliche Einkommensquellen zu schaffen.

Im Sommer, wenn viele israelische Jugendliche ihre traditionelle Reise („Tiyul“) unternehmen, steigt die Zahl der Rucksacktouristen drastisch an. Da das Gemeinschaftserlebnis bei diesen Reisen besonders wichtig ist, wird die Interaktion mit der lokalen Bevölkerung oft vernachlässigt, klagen Einheimische.

Tatsächlich sind viele israelische Gäste mittlerweile schon mehr als „nur“ Touristen. viele von ihnen ließen sich in Nordindien nieder, einige heirateten Einheimische oder machten sich als Lokalbesitzer selbständig.

Manche israelischen „Auswanderer“ schätzen dabei nicht nur Ruhe, die die Landschaft um das Himalaya-Gebirge ausstrahlt, sie sehen ihre Vorzüge auch in der Möglichkeit des Anbaus von Cannabis, das in dieser Region besonders häufig vorkommt.

Die dort kultivierte Sorte „Malana Cream“ wurde beim jährlich stattfindenden Amsterdamer Cannabis Wettbewerb mehrmals als eine der besten Haschischsorten der Welt gekürt. Der Umstand, dass Drogengesetze hier nur rudimentär entwickelt sind, tut sein Übriges, dass immer mehr Israelis in Nordindien sesshaft werden.

Am sichtbarsten ist die israelische Präsenz durch die jüdischen Chabad Zentren (Chabad House) mit ihren gelben Flaggen samt Aufschrift Mashiach (Messias).

Die Chabad-Gemeinde steht den Israelis fernab des Heimatlandes zur Verfügung, wenn sich Fragen zum Judentum oder Israel auftun, oder einfach nur als Ort des Rückzugs und der Nostalgie, wenn das Heimweh Überhand nimmt.

Besonders am jüdischen Feiertag Sabbat (Shabbat) - von Freitagabend bis Samstagabend – finden sich die Touristen dort gerne ein. Gläubige Juden dürfen an diesem Tag nicht arbeiten.

Rabbi Yoel Caplin, Sprecher der Chabad-Gemeinde in Kasol, erklärt: „Die Einheimischen versuchen, die Bedürfnisse der Israelis zu verstehen. Und wir für unseren Teil respektieren ihre Community. Wir geben unser Bestes, um die guten Beziehungen zu ihnen aufrecht zu erhalten.“

Es gibt aber auch Skeptiker. Die vielschichtige Kultur der israelischen Rucksacktouristen übersäen bereits die indischen Bergdörfer, meinen sie. So entstehen, mitten im indischen Himalaya, langsam israelische Enklaven.

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom So, 04.11.2012  05:02
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Erstellt am:
So, 04.11.2012  05:02
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