17.08.2012
Interview mit Benni Raich

„Es muss in der Familie beginnen“

Gestern Abend hob Benjamin Raich in Richtung chilenischen Winter ab. Zuvor sprach der ÖSV-Ski-Star mit der TT über die olympische Nullnummer von London, die tägliche Turnstunde und den Faktor Geld.

Bevor wir auf den kommenden WM-Winter zu sprechen kommen, ein Blick zurück zu den Olympischen Sommerspielen. Wie beurteilen Sie die allgemeine Aufregung nach der Nullnummer von London?

Benjamin Raich: Dass allerorts Unzufriedenheit herrscht, ist nachvollziehbar. Ebenso, dass etwas verändert werden muss. Dass die ganze Debatte aber vornehmlich über die Medien ausgetragen wird, finde ich seltsam und entbehrlich. Genau so wie die Forderung nach Strukturänderungen während der Spiele, dafür wäre nachher auch genug Zeit gewesen.

Was muss sich ändern?

Raich: Da mir die genauen Einblicke fehlen, möchte ich mich mit Empfehlungen zurückhalten. Aber ganz unabhängig, ob Sommer- oder Wintersport – optimale Trainingsbedingungen sind das Um und Auf. Wenn ich mir beispielsweise den Leichtathletik-Standort Innsbruck ansehe, ist es schwer vorstellbar, dass hier ein Weltklasseathlet heranreift. Wir haben nun einmal in Tirol relativ lange Winter und ohne entsprechende Halle ist da nicht viel zu machen. Aber ...

Aber ...?

Raich: Ganz maßgeblich für den Erfolg ist die Eigeninitiative. Jeder Sportler, der etwas erreichen will, muss sich frühzeitig auf die eigenen Hinterfüße stellen, um für sich das bestmögliche Umfeld zu schaffen. Mit Jammern kommt man nicht weiter.

Klingt einfacher, als es ist. Schließlich sind Sie in gewachsenen Verbandsstrukturen groß geworden und verdienen als Skifahrer gutes Geld.

Raich: Dieses Argument habe ich schon öfters gehört. Aber gerade zu meinen Anfangszeiten hatten wir auch nicht viel Geld, dennoch hat meine Familie alles unternommen, dass ich bestmöglich trainieren konnte. Dass sich ein Schwimmer kein 50-m-Hallenbad bauen kann, ist natürlich auch klar.

Nach der Reduktion der Turnstunden in der Schule wird plötzlich die tägliche Sportstunde propagiert?

Raich: Ich glaube nicht, dass wir dadurch künftig mehr Olympiasieger haben würden. Wenn ich von Lehrern höre, dass viele Schüler keine Rolle vorwärts beherrschen, dann ist das traurig. Aber diesbezüglich muss in der Familie begonnen werden. Wenn die Eltern mit ihren Kindern Sport betreiben, kommt alles von alleine. Und wenn ich lese, dass die tägliche Sportstunde nur in einer Ganztagsschule realisierbar wäre, muss man aufpassen. Zu meiner Hauptschulzeit hatte ich noch eine 6-Tage-Woche, aber so gut wie keinen Nachmittagsunterricht. Nur so konnte ich die Nachmittage fürs Training nützen. In einer Ganztagsschule wäre der Zug für mich frühzeitig abgefahren gewesen.

Stichwort Training. Bevor es nun für vier Wochen nach Chile und Argentinien geht – wie viele Skitage haben Sie bereits in den Beinen?

Raich: Acht, aber ich bin fast nur frei gefahren. Es wird langsam Zeit, dass ich mich in die Tore stürze.

Wenn Sie Ende Oktober Ihre 15. volle Weltcupsaison in Angriff nehmen, tun Sie das wieder einmal mit neuem Material. Wie fahren sich die neuen Skier?

Raich: Wie erwartet: gut. Auf harten Pisten sogar wesentlich besser, weil man wieder aktiver fahren kann und muss. Auf weichen Pisten ist es ein bisserl mühsamer, aber alles im Rahmen.

Klingt nicht danach, dass Sie sich durch die viel diskutierte Material-Revolution (längere und schmälere Ski, geringere Taillierung, Anm.) gravierende Änderungen an der Spitze erwarten?

Raich: Natürlich wird es den einen oder anderen geben, der mit dem neuen Material besser bzw. schlechter zurande kommt. Aber ein Ligety oder ein Hirscher werden genauso schnell sein wie zuvor.

Das Gespräch führte Max Ischia

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Fr, 17.08.2012
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