Das Kaufhaus Tyrol gedenkt seiner Geschichte
Das Buch
„Von Bauer & Schwarz zum Kaufhaus Tyrol“ von Horst Schreiber, Innsbruck-Wien-Bozen 2010 (Studien zu Politik und Geschichte 12; Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs 42), 304 Seiten, Euro 24,95.
Sie haben zur Kaufhaus Tyrol-Eröffnung das Buch „Von Bauer & Schwarz zum Kaufhaus Tyrol“ herausgegeben. Was hat Sie bei der Recherche über die beiden eng miteinander verwobenen jüdischen Gründerfamilien des Kaufhauses, Bauer und Schwarz, am meisten beeindruckt und bewegt?
Horst Schreiber: Neben der großen Innovationskraft, was das Warenhaus betrifft, hat mich in besonderem Maß das Schicksal der Familie Bauer & Schwarz bewegt. Der verzweifelte Versuch 1938 noch einen Rettungsanker zu finden, um das Kaufhaus, das sie über drei Generationen aufgebaut haben, zu bewahren.
Und als das nicht mehr möglich war, einen Weg in die Freiheit zu finden und dabei so viele Verwandte und Bekannte wie möglich mitnehmen zu können. Und dass dies nur bis zu einem bestimmten Punkt gelungen ist und dass diese Familien einige Mitglieder in Konzentrationslagern verloren haben und vor allem auch ein Mitglied hier in der Innsbruck in der sogenannten Reichskristallnacht.
Sehr bewegend waren für mich auch die anschließenden großen Schwierigkeiten im Ausland. Sie mussten wieder von vorne anfangen, viele waren ja bereits im vorgerückten Alter. Und wie sehr ihnen die Heimat Tirol und Innsbruck gefehlt hat! Auf der einen Seite also die Bitterkeit mit der man in eine Heimat, die einen verjagt hat, zurückblicken muss und auf der anderen Seite, die Sehnsucht nach der Heimat, den Bergen, dem Gewohnten, dem Schönen – und dass alles ein für allemal verloren ist.
Die beiden Familien haben in Innsbruck von 1867 an als kleine Händler begonnen und schließlich mit dem modernsten Kaufhaus Westösterreichs den Tiroler Handel modernisiert. War es der offensichtliche Erfolg, der diese beiden Familien bereits vor der NS-Zeit zur Zielscheibe für den zunehmenden Antisemitismus machte?
Schreiber: Die beiden Familien haben sehr fest zusammengehalten und aus sehr kleinen Anfängen schlussendlich über viele Jahre hinweg diesen Aufstieg geschafft. Das Problem bestand darin, dass die Konkurrenz natürlich neidisch war auf diesen Zusammenhalt und auf diesen Erfolg. Darauf, dass die Familien hier in Tirol etwas gewagt haben, neue Ideen verwirklicht haben. Und so wurden diese beiden Familien mit Vorurteilen bekämpft, nämlich mit antisemitischen Vorurteilen. Und nachdem sie die erfolgreichsten jüdischen Familien hier in Innsbruck waren, was den Handel anbelangt, wurden sie zum Sündenbock für diesen geballten Antisemitismus.
Nachdem unter Zwang aus dem Kaufhaus Bauer & Schwarz das Kaufhaus Kraus wurde, hatten sich die Familien um Restitution des enteigneten Vermögens bemüht. Wie wurde und wie wird Ihrer Ansicht nach mit dem Erbe von Bauer & Schwarz umgegangen?
Schreiber: Der Umgang mit dem Erbe von Bauer & Schwarz ist einerseits in höchstem Maß negativ dramatisch. Die Restitution, die nicht erfolgt ist, ist sozusagen typisch für den Umgang Österreichs und Tirols über viele Jahrzehnte nach 1945 mit diesen Verbrechen. Bauer & Schwarz sind ja nach jahrelangen Prozessen gezwungen worden, sich mit einem sehr lächerlichen Betrag abzufinden. Die meisten Familienmitglieder waren zu alt, um noch länger zu prozessieren.
Die andere Sache, die man aber festhalten muss, ist, dass sich vor allem in den letzten zehn, 13 Jahren hier in Tirol, sowohl vom Wissensstand her, was die Wissenschaft betrifft, als auch mit einer neuen Generation von Politikern hier ein bestimmtes Umdenken erfolgt ist. Eine bestimmte Öffnung, was die Erinnerungskultur betrifft. Sozusagen eine Rückbesinnung. Pioniere wie etwa Bauer & Schwarz und andere jüdische Mitbürgerinnen, die man verjagt und sogar getötet hat, gehörten ganz wesentlich zu Tirol. Es handelt sich dabei um einen Teil unserer Heimatgeschichte.
Und in diesem Sinne sehe ich heute das erste Mal, dass eine Gedenktafel platziert worden ist. Aber es hat ja mehrere jüdische Geschäfte in der Maria-Theresien-Straße, Anich-Straße oder Museumstraße gegeben. Ich sehe das also natürlich als Auftakt, um sich damit auseinanderzusetzen. Denn wenn nur die Gedenktafel hier hängt, dann hat es mit der Zeit sehr, sehr wenig Wirkung. Es ist also wichtig, dies immer aufs Neue zu thematisieren, denn sonst wirken Akte dieser Art eher entsorgend, und nicht innovativ, gestaltend.
Manche sagen – trotz der Freude über das Gedenken – die Tafel sei ein bisschen klein geraten oder fragen sich, warum sie nicht schon bei der Eröffnung des Kaufhauses installiert wurde.
Schreiber: Natürlich, wenn die Gedenktafel im März bei der Eröffnung hier eingeweiht worden wäre, in einem separaten Akt, dann wäre dieser Gedenktafel, dieser Einweihung eine größerer Aufmerksamkeit beschieden, dessen bin ich mir sicher. Auf der anderen Seite sehe ich es natürlich auch positiv, dass das gemacht worden ist. Dass es Zeit gewesen ist. Bis jetzt hat ja niemand anderer das noch gemacht, das ist die positive Ebene. Ich glaube, es gibt sehr viele – auch ältere Menschen – die die Gedenktafel lesen, und da ist die Schrift natürlich schon ein bisschen klein.
Wie würden Sie die Tiroler Erinnerungskultur beschreiben?
Schreiber: Das Gedenken an die Vergangenheit des Nationalsozialismus hat in Tirol extrem spät eingesetzt. Man kann sagen, so richtig erst seit Mitte der 90er-Jahre. Ab Mitte der 90er-Jahre finden wir immer mehr Zeichen von Erinnerung im öffentlichen Raum. Wir sind hier trotz der positiven Entwicklung noch am Anfang. Es gibt noch sehr viele Opfergruppen, derer nicht gedacht wird und ich sehe gerade die Umgestaltung am Landhausplatz als eine sehr, sehr große Chance. Es sollen dort ja die Namen von Menschen, die für Tirol Widerstand geleistet haben auf das Befreiungsdenkmal hinaufkommen. Da sehe ich, dass ein Wille vorhanden ist.
Fragen und Video: Silvana Resch
aktualisiert: Mi, 16.02.2011 10:22






