16.03.2011
Innsbruck

Tiwag soll raus aus Atomstrom

Regierungskoalition unterstützt Dringlichkeitsantrag der Grünen, dass die Tiwag Import von Atomstrom schrittweise beenden soll. Kriterienkatalog zur Wasserkraft wurde unterzeichnet.

Von Peter Nindler und Miriam Sulaiman

Innsbruck – Zusätzliche 2,8 Terrawattstunden will das Land Tirol in den nächsten 25 Jahren aus der heimischen Wasserkraft erzeugen. Das sind etwa 40 Prozent des nutzbaren Potenzials von sieben Terrawattstunden. Sie entsprechen dem zusätzlichen Energiebedarf Tirols bis zum Jahr 2035. Der Kriterienkatalog zur Wasserkraftnutzung soll das Planungsinstrument für den sinnvollen Ausbau der Wasserkraft sein. Denn nicht jeder Bach soll verbaut werden. Gestern wurde der Kriterienkatalog von der Landesregierung verabschiedet, heute will ihn der Landtag beschließen. ÖVP, SPÖ, Grüne, FPÖ und der Bürgerklub haben sich auf eine gemeinsame Entschließung verständigt.

Auf Grundlage des Kriterienkataloges sollen laut Dringlichkeitsantrag in Tirol jene Projekte herausgefiltert werden, die nach einer gesamthaften Betrachtung von Naturschutz, Raumplanung, Gewässerökologie, Wasser- und Energiewirtschaft ökologisch vertretbar und wirtschaftlich sinnvoll sind. Drei Milliarden Euro könnten in die Vorhaben investiert werden. Für LH Günther Platter (VP) haben dabei vor allem die Leitprojekte der Tiwag – Ausbau Kaunertal und Sellrain/Silz sowie Kraftwerk am Tauernbach – Priorität. Der Landesenergieversorger Tiwag­ soll dazu auch ein neues Entschädigungsmodell für die betroffenen Gemeinden ausarbeiten.

Erstmals äußerte sich Platter gestern auch zur Volksbefragung in Neustift, wo sich bei einer Beteiligung von 47 Prozent der Wahlberechtigten gegen eine Ableitung von drei Bächen für die Erweiterung von Sellrain/Silz ausgesprochen haben. „Eine Minderheit darf nicht bestimmen, wie es mit dem Ausbau der Wasserkraft in Tirol weitergeht“, sagte Platter. Landesinteressen müssten vor Eigeninteressen gehen. Platter: „Eine Mehrheit ist für die Nutzung der Wasserkraft. Sie ist sauber, erneuerbar und umweltfreundlich – und sie schafft Arbeitsplätze.“

Neben dem Entschädigungsmodell fordert die Landesregierung von der Tiwag auch ein Konzept zum Ausbau der Tiroler Energieautonomie, für die Verbesserung der Energiemischungen zur Versorgung der Endverbraucher und zur Verringerung von Auslandsabhängigkeiten. Der Landtag dürfte heute noch einen Schritt weitergehen. Denn ÖVP und SPÖ unterstützen einen Antrag der grünen Abgeordneten Maria­ Scheiber, dass die Tiwag den Import von Atomstrom schrittweise beenden soll. Rund neun Prozent beträgt der Anteil der Atomenergie am importierten Grundlaststrom für die Tiwag.­ Für Scheiber ist das ein Meilen­stein.

Für Tiwag-Vorstandsdirektor Bruno Wallnöfer hängt die größere Unabhängigkeit von Atomstrom jedoch von der Entwicklung in Deutschland ab. „Es kommt auf den Energiemix an“, erklärt Wallnöfer. Die Landesregierung geht davon aus, dass die Reduktion aufgrund der massiven Förderung von Windkraft und Solarenergie in Deutschland machbar ist. Kooperationen mit der Festlegung auf bestimmte Energieformen gebe es ohnehin nicht mehr, ergänzt Wallnöfer. In Tirol selbst forciert er Pump-Speicherkraftwerke.

Energiereferent LHStv. Toni­ Steixner (VP) bedauerte am Mittwoch, dass die Umweltorganisationen den Kriterienkatalog letztlich nicht mittragen. Er spricht jedoch von einem energiepolitischen Meilenstein. „Die Umwelt und die Wirtschaft sollten sich darüber­ freuen.“

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mi, 16.03.2011
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