Das Maßhalten mit der Natur
Innsbruck – Weiß ich keine Lösung mehr, muss ein Sündenbock her. Fast täglich hören wir von neuen Vorhaben, die in Tirol dringend umgesetzt werden müssen und wo aus wirtschaftlichen Gründen unbedingt ein weiterer kleiner Teil unserer Natur und Landschaft verbaut, versiegelt, aufgestaut werden muss.
Großmundig wird dabei vom Ernstnehmen des Naturschutzes bei Projekten getönt, die anscheinend das ökonomische Rückgrat Tirols bilden sollen, jedoch von der Umweltanwaltschaft kritisch hinterfragt werden. Oft übersehen die lautstarken Befürworter dabei, dass es nicht um ein Verhindern geht, sondern um eine Zukunfts-Perspektive, die unser Land auch für die nächsten Generationen noch attraktiv und vielgestaltig erhält. Die Rolle des Landesumweltanwalts ist dabei, Mahner zu sein vor Entwicklungen, die möglicherweise zum Wohl Einzelner beitragen, langfristig aber Natur UND Mensch schaden. Einzelne Projektbetreiber können oft nicht verstehen, dass ausgerechnet diese Au, dieser schlängelnde Bach oder diese Polsterpflanzen ihrem Wirtschaftsinteresse entgegenstehen sollen. Und das oft mit einer polemischen Argumentation wie z. B. dass wir nicht von Käfern leben, dass wegen einzelner „Grasln“ Bauten nicht realisierbar sein sollen. Was sie dabei übersehen, ist die riesige Zahl der Projekte und Natureingriffe, die jährlich stattfinden und so im Stil der Salamitaktik ein Radl nach dem anderen unserer schönen Landschaft abschneiden. Was übrig bleibt, kann der Naturschutz haben.
Dass ausgerechnet der Naturschutz in Tirol als Verhinderer dargestellt wird, kann schon mit einer Zahl widerlegt werden: Im Jahr 2010 wurden von 1250 Bewilligungsverfahren ganze 59 abgelehnt. An einer Verhinderung durch Behörden und Naturschutz kann‘s also nicht liegen – woran dann? Die tägliche Praxis zeigt, dass durchaus große und auch wirtschaftlich interessante Projekte rasch und unproblematisch behandelt werden können. Diese Projekte werden zumeist von Antragstellern eingebracht, die (schon aus Eigeninteresse) einen möglichst geringen Eingriff in die Natur bei der Planung berücksichtigen. Jene Vorhaben, die beliebt sind zum Anprangern eines „überzogenen“ Naturschutzes, sind meist solche, wo bei der Planung hinsichtlich Standort und Bau keine Rücksicht auf unsere Landschafts- und Naturräume genommen wurde. Diese Schwäche soll dann mit vollmundigen Rufen gegen einen „überbordenden“ Naturschutz wettgemacht werden.
Gerade am Beispiel des Kraftwerks Telfs zeigt sich wieder, dass lieber an alten Planungsmappen festgehalten wird, denn auf Basis des verbindlich beschlossenen! Kriterienkatalogs für Wasserkraftnutzung tatsächlich jene Standorte zu wählen, wo Naturschutz und Energiewirtschaft sinnvoll das größte Potenzial auswiesen. Würde jedoch gar alles genehmigt, wozu würde es dann überhaupt noch Naturschutzgesetz und Behörden benötigen? Ich halte es auch für notwendig, dass man im Umweltbereich gegen Schwarze-Schafs-Projekte auftritt, die der Natur wirklich abträglich wären. Dass es dann gleich einiger „Entrümpelungen“ der Naturschutzgesetze bedarf, dass die Behörden Bremsklotz seien, ist ein Totschlagargument bei all jenen, die es verabsäumen, Planungen so zu gestalten, dass sie naturverträglich sind. Schade. Für Tirol ist dies sicher nicht von Vorteil. Und für unsere Kinder auch nicht.





